Wanderlust beim MMM

Seit ein paar Jahren nähe ich streng antizyklisch: Immer in der Mitte oder zum Ende einer Saison fällt mir ein, was ich denn gerne hätte, und wenn das Kleidungsstück dann fertig ist (falls es fertig wird und nicht in der UFO-Kiste landet), dann ist es entweder zu warm oder zu kalt.

So auch hier mit dieser Softshell-Jacke. Zugeschnitten habe ich sie für den Wanderurlaub im Mai, aber sie ist nicht fertig geworden, und es war ja sowieso viel zu warm. Aber dann habe ich tapfer über den Sommer weiter daran genäht und heute kann ich sie präsentieren, die Temperaturen passen ja auch dazu. Außer vielleicht heute, als wir die Fotos gemacht haben, da war es warm und schwül. Aber erstaunlicherweise war die Jacke gar nicht so unangenehm zu tragen, wie ich befürchtet hatte.

Das liegt natürlich an dem fabelhaften Hightec-Material, aus dem sie ist. Ich habe bei Extremtextil einen Softshell entdeckt, der zwar ohne wasserdichte Membran, aber dafür innen mit Merinowolle hergestellt ist. Eigentlich wollte ich die Jacke haben, um die Fahrrad-Saison etwas zu verlängern, darum sind die Ärmel auch etwas länger als gewöhnlich. A propos Ärmel: Ist Euch schon einmal aufgefallen, dass Frauenkleidung, also formelle Frauenkleidung, ich spreche hier nicht von T-Shirts oder Pullovern, dass also diese Sachen die allerschrecklichsten Ärmel haben? In einer Damenjacke oder einer Bluse oder einem Kleid aus Webware kann man praktisch die Arme nicht über 90° heben, ohne entweder den Ärmel auszureißen oder aber halbnackt dazustehen oder den Rocksaum ungefähr bis zur Unterkante der Unterwäsche hochzuziehen. Wie soll man da einem Angreifer einen auf die … Nase geben oder auch bei einer Präsentation etwas auf einen Flip-Chart schreiben? Die wahre Befreiung der Frau beginnt bei den Ärmelschnitten!

Auch bei meinem Schnittmuster, Meditative Runner aus der Ottobre 2/2021, war so ein dämlicher Ärmel vorgesehen. Zu schmal, zu eng am Oberarm, befand ich und kam nach längerer Suche darauf, den Ärmel eines Herrenpyjamas zu verwenden.

Ich werde Euch nicht mit den ganzen Anpassungen langweilen, denn der Pyjama-Ärmel erwies sich als unproportioniert und am Ende will ich ja gar kein Sweatshirt unter die Jacke ziehen können, dafür habe ich andere Kleidung. Nach längerem Ausprobieren und Einheften landete ich wieder beim Ausgangsärmel, allerdings habe ich ihn oben um 2,5 cm verbreitert und die flachere Rundung des Herrenärmels verwendet. Das Armloch habe ich dann nach unten erweitert, und jetzt bin ich sowohl mit Bewegungsfreiheit als auch den Proportionen bzw. dem Verhältnis Ärmel zu schmalem Rumpf zufrieden.

Die Jacke hat einen zwei-Wege-Reißverschluss, dadurch schränkt sie trotz der Länge die Bewegungsfreiheit nicht ein, wichtig fürs Radfahren.

Meine restliche Wanderkleidung ist gekauft, in Manheim bei Oxfam bin ich fündig geworden. Ich hatte damals die Jacke noch nicht fertig, aber die hübsche karierte Bluse (warum sind Wanderblusen eigentlich immer kariert?) passt perfekt zum Himbeerrot der Jacke. Mein Farbgedächtnis hat mich nicht getäuscht. Die Entscheidung für diese kräftige Farbe hat übrigens, neben meiner Freude an kräftigen Farben, auch einen ganz pagmatischen Grund: Wenn man im Gebirge einen Unfall hat, wird man von potentiellen Helfern in einer bunten Jacke einfach besser gesehen als in einem edlen Grau- oder Khaki-Ton.

Und: Tadaaa! Sogar der Rucksack passt farblich perfekt (zumindest bei echtem Licht).

Bei den Taschen habe ich nicht ganz das hinbekommen, was ich wollte, nämlich die Reißverschlüsse in die Teilungsnaht zu integrieren. Ich habe eine Aussparung gamacht, den Reißer eingesetzt und dann sollte das andere Band des Reißverschlusses genau an das Seitenteil genäht werden. Aber leider war die Aussparung zu breit und ich musste einen Streifen einsetzen. Leider habe ich davon kein Detailfoto gemacht. Aber von der Innenseite, auf die ich ziemlich stolz bin:

Der Taschenbeutel wird unten vom Saum mitgefasst und an der Reißverschluss-Seite habe ich ihn unter das Band geschoben und dann beim Absteppen mitgefasst. Die Nahtzugabe an der vorderen Mitte habe ich beschnitten, so dass sie komplett unter dem Reißverschlussband verschwindet, durch das Absteppen sieht alles sehr sauber aus.

Kleines Detail am Kragen: der innere Kragen ist mit Schrägband eingefasst und es gibt einen kleinen Untertritt gegen Wind und damit man sich nicht mit dem Reißer zwicken kann.

Mit noch einem letzten Blick auf die grün-veralgte Spree gebe ich weiter an den MeMadeMittwoch mit den wohl letzten Sommerkleidern dieses Jahres.

  • Schnitt: Meditative Runner, Ottobre 2/2021
  • Änderungen: Ärmel oben 2,5cm erweitert, Ärmelkugel abgeflacht, Armloch erweitert, Jacke insgesamt um 7cm verlängert
  • Taschen anders eingesetzt und Taschenbeutel verändert
  • Stehkragen anstelle der Kapuze

12 Kommentare

  1. Guten Morgen Stefanie,
    vielen Dank für den sehr unterhaltsamen Blog-Beitrag: über die Beschreibung der schrecklichen Damen-Ärmel in Webwaren-Schnitten konnte ich herzlich lachen! Und Du hast damit, meiner Meinung nach auch völlig recht.
    Deine Jacke steht Dir hervorragend und ist Dir sehr gut gelungen – Danke für die Anpassungsbeschreibung!
    Liebe Grüße,
    Sabine

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    • Ist vielleicht ein bisschen überspitzt, aber so ist es doch. Und Bleistiftröcke und hohe Absätze sind ebenfalls echte Frauenfallen. Im Grunde legen wir uns freiwillig echte Fesseln an.
      Ich bin sehr gespannt. wie sich die Jacke beim Wandern und Radfahren bewährt.
      Liebe Grüße, Stefanie

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  2. Die Jacke ist toll und mir gefällt auch sehr die leuchtende Farbe.
    Gerade Jackenärmel dürfen nun wirklich nicht zu eng ausfallen, weil man ja nun mal etwas darunter tragt und die Ärmel problemlos drübersrutschen sollten.
    Ich erinnere mich aber daran, dass ich aus irgendeiner Ottobre auch mal eine Sweatjacke genäht habe, deren Ärmel viel zu knapp bemessen waren und ich mich jedes Mal darüber geärgert habe, wenn ich sie angezogen habe. Du hast das bei deiner Jacke besser gemacht.
    LG von Susanne

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    • Vielen Dank. Tatsächlich hadere ich mit den meisten Ärmeln. Ich muss wirklich mal einen echten Retro-Schnitt nähen, aus der Zeit, als Frauen immer Blusen trugen, auch bei der Hausarbeit mit wenig arbeitserleichternden Maschinen. Die müssen einfach bequemer gescnitten gewesen sein!
      LG, Stefanie

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  3. Die Jacke ist toll geworden, gerade die Farbe gefällt mir. Und wie passend, daß die Bluse und der Rucksack den gleichen Farbton haben. Ja, Damenärmel und die Bewegungsfreiheit, das passt leider oft nicht zusammen. Ich spiele Querflöte, da gibt es kein vertun, die Arme müssen egal wie feierlich der Anlaß ist, gehoben werden. LG Gabi

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    • Das kenne ich, ich spiele Bratsche. Männer haben es in den Orchestern ja auch nicht gerade leicht mit ihren Fräcken. Da braucht man Maßanfertigungen. Mich fasziniert immer wieder, wie Geigen-Solistinnen in trägerlosen Abendkleidern spielen können…
      LG, Stefanie

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  4. Ich gebe dir total recht mit den Ärmeln, aber ich habe leider in vielen Bereichen noch das Gefühl, dass alle glauben (oder erwarten?), dass uns Frauen nur wichtig ist, zu jeder Zeit gut auszusehen. Ich arbeite in der Werkstatt und die Arbeitskleidung, die mein Arbeitgeber stellt ist für die Herren wunderbar, aber die Damenmodelle sind absolut zum Weglaufen! Ganz enge Ärmel, Hosen, die so enge Oberschenkel haben, dass man nichts in die Taschen tun kann und und und. Auch da geht’s mir genauso wie dir, ich würde mich gerne befreien 🙂 Ich glaube hatte auf jeden Fall noch nie so eine gut sitzende Jacke, ich wünsche dir viel Spaß darin.
    Grüße, Tina

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    • Ich habe mir gerade den Luxus einer Garten-Latzhose von Engelbert Strauss geleistet. Saubequem und mit 14 !!! Taschen. Zwar teuer, aber ich glaube, das ist eine echte Investition. Die machen Berufskleidung für ganz viele Branchen, vielleicht kannst Du ja einen Teil vom Arbeitgeber bezahlt bekommen und übernimmst den Rest?

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  5. Was ist das denn für eine super-tolle-Wander-Radel-Allzweck-Jacke. Ich bin komplett begeistert. Deine Innenverarbeitung verlangt höchsten Respekt. Ich hoffe, ich schaff das auch irgendwann mal so akkurat. RIchtig toll.

    Bei den Ärmeln bin ich ganz bei dir. Ich trage mittlerweile v.a. Sweat bzw. sportlichere Blazer, die aus dehnbarerem Material sind, damit ich im Business (z.B. auf Messen) möglich ist, die Arme zu heben. Dieses eingeengte Dasein geht so gar nicht. Da hast du ganz recht, das wir beim Selbernähen uns zum Glück die Welt so machen können, wie sie uns gefällt und für uns bequem ist.

    LG Miriam

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