A little bit of Clara, Cora and Jessica in my life

Der Inhalt meiner Active-Wear-Schublade klingt wie eine Zeile aus Mambo No. 5. Ja, und obwohl ich Anglizismen grundsätzlich verabscheue geht an Active-Wear kein Weg vorbei. Was wäre denn die Alternative? Turnzeug? Sportzeug? Das klingt nach muffigen Schulfluren und gestreiften Turnbeuteln, selbstgenäht im Werkunterricht. Verwaschene T-Shirts und Trainingshosen aus einem widerlichen Poly-Irgendwas, geerbt aus dritter Hand. Meine Mutter nähte mir für die Leichtathletik ein Paar Shorts aus weißem Frottee, eingefasst mit blauem Schrägband, zu einer Zeit, als alle anderen Mädchen knappe Höschen mit den berühmten drei Streifen trugen. Im Heft sah diese „Tenniskleidung“ ja noch ganz gut aus, an mir allerdings wie ein Sack, ungefähr drei Nummern zu groß. Die Klassenkameradinnen bezeichneten sie spöttisch als „Bomber“, und ich trug sie tapfer, bis mein Taschengeld für eine Satin-Shorts reichte, zwar nur mit 2 Streifen, aber dafür hat sie 10 Jahre gehalten. Kindheitstrauma, vielleicht habe ich deshalb so viele bunte Leggins.

Mittlerweile habe ich insgesamt 4 Schnitte für Leggins getestet. Drei sind von der kanadischen Schnittmusterfirma Jalie, die sich auf Activewear spezialisiert haben, einer ist aus der Ottobre. Clara, Cora (beide Jalie) und Daily Routine (Ottobre) habe ich bereits vorgestellt, mein neuestes Baby ist Jessica von Jalie.

Dieser Schnitt ist relativ neu. Ein Wort zu Jalie: Im Laufe der Zeit sind die Anleitungen immer ausführlicher geworden, die neueste Verbesserung ist eine Angabe der fertigen Maße des Kleidungsstückes, zumindest ist mir das bei dem Audrey Crop Top aufgefallen. Ich finde das extrem hilfreich und wünschte mir, dass alle Schnittmusterfirmen so etwas machen würden.

Jessica hat nicht nur große Taschen an den Seiten, in die bequem ein kleines Tablet passen dürfte sondern auch eine ziemlich breite Hüftpasse, die passend zu den Seitentaschen unterteilt ist. Die rückwärtige Passe läuft mittig zu einer Spitze nach unten aus, das betont das Gesäß ziemlich vorteilhaft und gefällt mir sehr gut. Für meine Jessica habe ich den OMG Fries Stoff von Albstoffe performance genommen. Das Ergebnis ist so gruselig, dass es schon wieder gut ist, sagt zumindest mein Geschmack. Das Color-blocking tut dem Fritten-Muster gut, bei anderen Mustern würde ich vermutlich darauf verzichten. Die Musterverteilung war nicht ganz so einfach, man möchte ja keine Monster-Pommestüten auf der Vorder- oder Kehrseite produzieren. Irgendwo häßlich abgeschnitten ist aber auch nicht schön, also habe ich mich für die Variante „eine Tüte für jede Gesäßhälfte“ entschieden.

Leider habe ich nur bei den Vorder- und Rückteilen auf saubere Musterübergänge geachtet und die Unterschenke ganz übersehen, daher habe ich jetzt dort einen Versatz. Ich gehe davon aus, das so etwas nur dem geübten Schneiderinnen-Auge auffällt. Damit das Muster nicht ganz so aggressiv ist, und um die Nähte zu stabilisieren, habe ich bis auf die Beininnennähte jede Naht noch einmal mit einem 3-Fach-Coverstich übernäht.

Jalie verlangt 50% Stretch in beide Richtungen für den Jessica-Schnitt. Mit dem Albstoffe-Performance-Jersey bekommt man diese 50% nur mit echter Gewalt hin. In Längsrichtung kommt man sogar nur auf 35%. Nach meiner Erfahrung mit der Mohnblumen-Clara, bei der ich ziemlich genau diese Konstellation hatte, und bei der ich eine Nummer größer genäht habe, habe ich gleich nochmal eine Nummer größer gewählt, und das war sehr gut so. Jalie arbeitet ja mit halben Größen, also habe ich nach „normalen“ Schnittmustern eine Konfektionsgröße größer genäht. Dadurch kann ich mich deutlich besser in der Hose bewegen, bezahle das aber mit ein paar Falten.

Das Urteil:

Grundsätzlich finde ich Taschen in einer Leggins klasse, allein schon, um den Spindschlüssel beim Sport zu verstauen. Ein Handy sollte schon auch hineinpassen, aber die Tasche bei Jessica ist mir deutlich zu groß, zumindest wenn man sie für’s Color-Blocking nutzt. Man kann sie aber vermutlich nicht ungestraft verkleinern, weil sie ein formgebendes Teil ist. Den breiten Bund hingegen finde ich sehr schön, und da kann ich mir auch gut vorstellen, ihn komplett in einer anderen Farbe zu nähen. Ich habe mir noch einen weiteren Albstoff geleistet:

das Muster „Botanical Herbs“ hat es mir angetan, und bei dem Stoff überlege ich, mir eine Jessica mit einem schwarzen Bund zu nähen.

Wie immer bei den neuen Schnitten von Jalie ist die Anleitung gut bebildert und sehr ausführlich. Sie ist auf englisch und französisch, aber wer keine der beiden Sprachen beherrscht, kommt auch mit den Bildern wunderbar zurecht. Ich bin auch mit der Passform äußerst zufrieden, allerdings muss man wirklich gut auf die Elastizität des verwendeten Stoffes achten. Wieviel größer man bei wieviel weniger Stretch nähen muss, kann man wohl nur mit der Erfahrung abschätzen.

Fazit:Jessica ist eine taillenhohe Hose für Frauen, die einen gut gerundeten Po und ein großes Handy besitzen.

Mit Jessica habe ich jetzt also den vierten Legginsschnitt ausgetestet, Zeit für einen kleinen Vergleich.

Meine erste Leggins war die Clara von Jalie. Weil mein erster Stoff, der Haifisch-Jersy nicht so viel Stretch hatte, habe ich ziemlich wild am Schnitt herumvergrößert, erstaunlicherweise passt die Hose trotzdem irgendwie.

Bei meiner zweiten Clara habe ich den Schnitt fast in meiner eigenen Größe genäht, die Empfehlung von Jalie , im Zweifel eine Nummer kleiner zu nähen, habe ich ins Gegenteil verwandelt und die größere Größe gewählt. Auch hier habe ich am Schnitt herumgespielt: Ich habe einen Seitenstreifen eingesetzt und den Bund etwas schmaler genäht. Bei Clara kann man das auch sehr gut machen, der Schnitt ist nicht so kompliziert. Wenn man am Schnitt irgendetwas verändern möchte, sollte man aber beachten, dass die Beininnennähte leicht nach vorne verlegt sind und dass es nicht so einfach ist, die seitliche Mitte zu finden. Die Hose besteht aus einem einzigen Schnittteil (plus optionalem Bund) mit einem eingesetzten Zwickel. Man setzt den Zwickel ein, schließt die Rückwärtige Naht, dann die Innenbeinnaht, Bund dran, Beinsäume, fertig. Allerdings ist die Naht auf der Höhe des Zwickels ziemlich fummelig zu nähen, besonders, wenn man mit einer Overlockmaschine näht. Ich empfehle hier unbedingt zu heften. Der Schnitt bietet sich an für großformatige Muster, weil vorne keine Naht sondern ein Stoffbruch ist. Sie ist Taillenhoch und ich würde sagen für jede Figur geeignet. Es gibt insgesamt 6 Varianten: mit oder ohne Taillenbund und in drei verschiedenen Längen, wobei man bei diesem Schnitt natürlich die Beine an jeder Stelle abschneiden kann. Auch hier ist die Nähanleitung englisch und französisch und sehr gut bebildert.

Cora von Jalie ist die zweite Leggins, die ich mir genäht habe. Sie besteht aus ziemlich vielen Schnittteilen und ist für Color-Blocking gut geeignet. Wenn ich allerdings bedenke, wieviele Tage ich über a) der Farbauswahl und b) der Farbverteilung gebrütet habe, bin ich mit dem Ergebis erstaunlich unzufrieden. Cora sitzt ein bisschen unterhalb der Taille, und Frauen, bei denen das Taillengummi unfehlbar immer an die schmalste Stelle der Leibesmitte krabbelt, sollten diese Hose ein bisschen nach oben verlängern, denn sonst wird der Schritt äußerst unvorteilhaft nachmodeliert. Auch dieser Schnitt punktet mit einem Zwickel. Cora hat eine Teilungsnaht über dem Po. Bei einem starken Gesäß liegt diese Naht nur knapp über der stärksten Stelle, was ich persönlich eher unvorteilhaft finde. Wenn man also verlängern möchte, sollte man nicht oben am Bund ansetzen, sondern die Schnittteile unterhalb der Gesäßrundung teilen und verlängern. Das ist ein bisschen mühsam, lohnt sich aber. Im Rückwärtigen Bund hat Cora eine Tasche für ein Handy mit mittlerer bis bescheidener Größe, an der Stelle sollte man erst einmal genau nachmessen und gegebenenfalls anpassen. Ich würde den Schnitt ohne Veränderungen für Frauen mit einem eher flachen Gesäß empfehlen, die gerne den Po ein bisschen betonen möchten. Das gilt vor allem, wenn man eine mehrfarbige Variante näht. Der Schnitt kommt in zwei Längen daher, die kurze Variante ist auch als Fahrradhose geeignet.

Nach der Cora habe ich die „Daily Routine“ aus der Ottobre 2/2015 genäht. Diese Leggins hat auch eine Teilungsnaht über dem Gesäß und eingesetzte Streifen an den Seiten. Schon im Heft kann man sehen, dass sie recht locker sitzt. Der Schnitt ist für einen BW-Jersey mit Elasthan und nicht allzuviel Stretch ausgelegt, bei meinem superstretchigen Lycra habe ich gleich mal eine Nummer kleiner genäht und während des Nähens noch einmal fast 3cm an den Seiten herausgenommen. Obendrein habe ich einen Zwickel eingesetzt. Daher kann ich den Schnitt nur eingeschränkt beurteilen. Auch hier habe ich die Teilungsnaht angehoben. Figurmäßig würde ich ihn wie die Cora einordnen, die Längsstreifen an den Seiten strecken noch einmal zusätzlich. Wenn man nur Jersey mit einer Elastizität von bis 30% und auch nur in einer Richtung zur Verfügung hat, würde ich diesen Schnitt vor einem Schnitt von Jalie empfehlen. Die Anleitung ist typisch für eine Nähzeitschrift, ausreichend gut erklärt, aber ohne Bilder.

Jeder der vier Schnitte hat seine Vor- und Nachteile. Mein Favorit ist eindeutig mein Clara-Pattern-Hack mit dem verschmälerten Bund und den Seitenstreifen mit Handytasche. Ich mag es, gemusterte Stoffe mit einem Streifen Uni aufzulockern, ich will Taschen haben und ich brauche keine Extra-Betonung meines Hinterteils. Allerdings gefällt mir auch der Jessica-Schnitt sehr gut, und ich sollte ihn definitiv noch einmal mit einem diskreter gemusterten Stoff nähen, um ihn wirklich beurteilen zu können. Auch wenn ich die schrille Stoffauswahl meiner Fritten-Jessie durchaus mag, fürchte ich doch, dass sie mein Urteilsvermögen ein bisschen beeinträchtigt.

An Cora mag ich die Taschenlösung, und uni sieht sie sicher auch komplett anders aus. Schick ist die separate Wade, wie auch bei der Jessica, die man zum Bespiel aus Netzstoff nähen könnte, was derzeit ja bei RTW so angesagt ist. (übrigens geht das n i c h t mit Powernet, das ist viel zu unelastisch).

Beim Ottobre – Schnitt könnte man sowohl an den Seiten als auch am Bund Taschen einbauen, könnte allerdings für ein aktuelles Handy etwas zu schmal sein.

Sicherlich ist die Auswahl des Schnittes auch abhängig vom verwendeten Stoff: je großformatiger das Muster, desto weniger Schnittteile sollte die Hose haben. Großer Vorteil der Clara: da es keine Seitennaht gibt, entfällt die mühsame Musteranpassung, man muss nur auf den Stoffbruch vorne und die Gesäßnaht hinten für die Symmetrie achten.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zur Verarbeitung von elastischen Stoffen mit viel Stretch. Eine klassische Nähmaschine ist hier meiner Meinung nach komplett überfordert, und bei mehr als 50% Stretch kommt auch die Overlock-Maschine schnell an ihre Grenzen. Bei meiner Haifisch-Clara habe ich 7mm breite dreifädige Overlocknähte genäht, die haben sich schnell so gezogen, dass ich von außen die Fäden sehen konnte und innen eine kleine Wurst anstelle der Zugabe hatte. Die Daily Routine habe ich dann mit einem schmalen dreifädigen Overlockstich genäht, und hier brechen die Nähte permanent, der Stoff hat aber auch 70% Elastizität. Ich habe die Nähte dann mit dem Gräserstich meiner Nähmaschine nachgenäht, angeblich ist er „hochelastisch und geeignet für moderne Sportkleidung“. Fehlanzeige.

Mein Nähmaschinen-Händler empfahl mir, die Oberfadenspannung minimal zu erhöhen (meine OVI stellt die Spannung normalerweise selber ein, aber dafür hat sie eine Stellschraube). Das hat geholfen, aber vor allem der Austausch des Nähgarns. Jetzt habe ich in den Greifern Bauschgarn, das ist superstretchig und die Nähte sind sehr stabil. Allerdings bin ich obendrein dazu übergegangen, die Nähte nochmal mit einer Dreifachnaht zu covern, auch hier verwende ich Bauschgarn als Unterfaden. Das sieht dann auch gleich viel professioneller aus.

Ein positiver Effekt vom Bauschgarn ist, dass man beide Nähte, sowohl die Overlock- als auch die Covernaht ganz einfach auftrennen kann, vorausgesetzt, man findet den richtigen Faden, an dem man ziehen muss.

Wenn man sich erst einmal etwas eingearbeitet hat, macht das Nähen von Sportkleidung (ja, geht auch auf deutsch) echt Spaß. Man kann damit tatsächlich gut Geld sparen (wenn man nicht so gierig ist wie ich) und mal ehrlich, in selbst genähten Leggins ins Fitty oder Yoga-Studio gehen, wie cool ist das denn wohl? Da machen selbst die langweiligsten Sit-Ups Spaß. Wenn bei jedem Beine heben die hübschen Hosen ins Blickfeld kommen, ist jede Wiederholung eine Freude. Ich kann es also nur empfehlen.

Noch eine kleine Vorschau zum Abschluss:

Inzwischen habe ich einen zweiten Sport-BH-Schnitt getestet, da will ich aber noch ein weiteres Exemplar in einer anderen Größe nähen. Dann gibt es dazu einen weiteren Schnittvergleich.

Außerdem teste ich das „Surf to Summit“- Top und die „Valerie“ von Jalie, zwei Fahrrad-Oberteile, die dann auch einen Vergleich über sich ergehen lassen dürfen.

4 Kommentare

  1. Ich bin schwer beeindruckt, wie systematisch Du das Thema Sportbekleidung angehst. Ich bin nie über die Matilda Leggins von Spit Up & Stilettos hinausgekommen… Vielleicht sollte ich mir dieses Nähfeld auch erschließen, dann klappt es vielleicht auch mit dem Sport bei mir wieder besser. Die Pandemie hat mich total aus dem Rhythmus gebracht. Am besten gefällt mir Deine Jessica und Pommes auf einer Leggins finde ich extrem witzig! Herzlichen Dank für diesen sehr informativen Post, bin gespannt auf die Sport-BHs. Herzliche Grüße Manuela

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    • Veilen Dank. Ja, zur Jessica habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis, manchmal bin ich in der richtigen Stimmung und finde sie wie Du sagst, extrem witzig, an anderen Tagen frage ich mich, was mich denn da geritten hat. Geht mir übgigens mit den Haifischen auch so. Aber dann habe ich ja die anderen Hosen.
      Probier das mit den Hosen unbedingt aus. ich kann die Albstoffe ( die es übrigens auch in schönen Unis gibt) vom Material und vom Nachhaltigkeitsanspruch nur empfehlen.
      Liebe Grüße, Stefanie

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