Strategien gegen Stoffverarmungsangst

Seit einer knappen Woche laufe ich umher und fühle mich kolossal effizient und organisiert. Der Grund: Ich habe endlich meinen Stoffschrank aufgeräumt.
Irgendwie ist es ja schon peinlich, einen ganzen Schrank voller Stoffe zu haben. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass erstens der Schrank in Wirklichkeit nur ein Regal mit Türen ist, aus der Zeit, als man den Regalinhalt vor einem kleinen, neugierigen Menschenkind schützen musste, und zweitens, dass der Besitz eines Stoffschrankes in meiner Familie quasi Tradition hat, ein großer Teil seines Inhalts ist „ererbt“, Stoffe, die meine Mutter abgegeben hat, als sie ins Seniorenwohnheim gezogen ist.
Nichtsdestotrotz war es einmal an der Zeit, alles aufzuräumen und gegebenenfalls auszumisten. (Man merkt so etwas daran, dass der Schrank nur mit Gewalt zugeht und nur mit Hilfe von unter die Türen geschobenen Holzkeilen auch zu bleibt.)
Natürlich ist simples neu aufschichten und aussortieren kein Grund, um sich kolossal effizient zu fühlen. Dafür muss schon mehr passieren.
Erst einmal habe ich alles aus dem Schrank herausgezogen und auf den Boden in meinem Zimmer gelegt. Danach sah das Zimmer etwa so aus:Anfangschaos
(Auf sind Bild ist übrigens nicht alle Stoffe zu sehen. Ein Teil ist noch im Schrank, denn irgendwo brauchte ich auch Platz zum treten).
Vier Wochen lang habe ich dann alle Stoffe vermessen, kleine Schnipsel abgeschnitten und alles auf kleine Karteikarten getackert und geschrieben. Auf der Rückseite der Karten habe ich, wenn ich das schon wusste, einen Schnitt eingetragen, für den ich den Stoff einmal verwenden will.

Stoffkartei
Jetzt weiß ich: Ich habe sehr viel Stoffe. Ich brauche tatsächlich keine neuen. Ich habe Stoff für viele Kleider, Röcke, Hosen, Blusen, T-Shirts, Taschen, Schlafanzüge, Oberhemden, Strickjacken. Ich brauche keinen neuen Stoff. Und ich würde am liebsten gleich an die Nähmaschine gehen und alle diesen schönen Sachen nähen.

Ich habe aber nicht nur aufgeräumt, sondern auch ausgemistet.

ausgemustert!
Alle Reste, aus denen man ja vielleicht mal etwas nähen könnte, wenn man sie geschickt kombiniert, die ich aber nicht wirklich mochte, alle alten Oberhemden, deren Stoff ja eigentlich noch ganz gut ist, all die anderen Reste, zu flickenden und zu ändernden Sachen (zum Beispiel eine im Schritt duchgewetzte Jeans des Gatten, die ihm garantiert nicht mehr passt) und die Kleidungsstücke, die man ja mal umarbeiten könnte, die mir aber auch nicht gefallen, liegen auf diesem Stoß und warten auf die Sortierung Altkleidersammlung /Lumpensack. Für letzteres muss ich noch den Abfallentsorger wegen Recyclings anrufen, und wenn es das nicht gibt, landet das in der Tonne.
Und so sieht der Schrank jetzt aus:aufgeräumter Stoffschrank
In einem anderen Schrank hatte ich noch eineinhalb Fächer voll, die sind jetzt leer und beherbergen inzwischen ein unansehnliches Bücher- und Zeitschriften- und Aktenordner-Sammelsurium. In den beiden freien Fächern im offenen Regal sind meine Boxen mit den angefangenen Nähprojekten, eine Idee, die ich von Susi übernommen habe.

Nachtrag: In der neuesten Flow habe ich einen Artikel gelesen, dass aufräumen und Ordnung die Kreativität behindern und nur unser anerzogenes schlechtes Gewissen bedienen. Habe ich etwa alles falsch gemacht? Mein Buch „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ sagt das genaue Gegenteil; Ordung lässt die Energie frei fließen und setzt Kräfte frei. Wer hat denn nun recht?
Ich sehe in meinen Schrank und in mein Regal mit den Nähprojekten und frage meinen Bauch: Nein, der Anblick der sauber übereinander geschichteten Stoffe lässt mein Herz höher schlagen, die beiden Karteikästchen , in denen ich alle Daten über meine Stoffe habe, ebenfalls, denn wenn ich einen neuen Schnitt sehe, der mir gefällt, kann ich mit einem Griff feststellen, ob der Stoff, den ich dafür im Auge habe, auch ausreicht.
Ich drehe mich um, mein Blick schweift durch mein Zimmer: Sowohl der Schreibtisch, dessen Glasplatte ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe, als auch der voll gestellte Couchtisch zeigen mir ausreichend Potential für kreativitätssteigerndes Chaos, da brauche ich mir nicht im mindesten Sorgen zu machen. Ich fühle mich mit beidem gut, und da ich jetzt auch noch die perfekte Ausrede gefunden habe, den Rest des Zimmers so zu lassen, wie er ist, kann ich mich mit gutem Gewissen an die Nähmaschine setzen.

4 Antworten zu “Strategien gegen Stoffverarmungsangst

  1. Klasse! Dass Du Dich jetzt wohler fühlst kann ich gut nachvollziehen!
    Die Idee mit den Karteikarten werde ich klauen! Vor meinen Stoffbergen stehe ich immer etwas hilflos und denke ständig : „ich sollte doch mal aufräumen…“ Wenn ich einen bestimmten Stoff suche, kommt es oft vor, dass ich anderen entdecke, den ich ganz vergessen habe. Manchmal kaufe ich Stoff und merke zuhause, dass ich ähnlichen schon habe …
    Meine Zeitschriften sind allerdings geordnet. Vor einigen Jahren schon fing ich an, die Schnitt-Übersichts-Seiten zu scannen, zu datieren und in Ordnern und Dateien abzulegen. Die Hefte selbst stecken in der Reihenfolge in diesen Papp-Sammeldingern.
    Mit dem richtigen Aufräumen werde ich noch warten müssen – in meinem Nähkeller stehen noch die Gartenstühle …
    Liebe Grüße
    Ilse aus dem Kiebitzkeller

    Gefällt mir

    • Deine Idee mit den eingescannten Schnittübersichten finde ich super, die werde ich übernehmen. Allerdings werde ich mir Fotokopien abheften, ich bin da eher analog. Ich habe eine Liste von Schnitten, die ich interessant finde, da kann ich die entsprechenden Bildchen gleich markieren, wenn ich alles abhefte.

      Gefällt mir

  2. Ich finde dich auch sehr effizient und geradezu vorbildlich! So eine Stoffprobensammlung mit Stoffmaßen hatte ich mal für die neu gekauften Stoffe angefangen und fand das sehr praktisch, weil man gar nicht erst vergisst, was alles da ist, aber in letzter Zeit habe ich das wieder aus den Augen verloren. Ich müsste auch mal sortieren, damit der Schrank wieder richtig zugeht! Ich weigere mich aber, mich wegen Stoff schlecht zu fühlen, geal was Feng Shui und/oder Flow sagen.

    viele Grüße!

    Gefällt mir

    • Nein, schlecht habe ich mich wegen Stoff auch noch nie (außer dass ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen wegen der Massen habe). Es ist nur einfach so schön, in den Schrank zu schauen und nur Stoffe zu sehen, die ich schön finde, und für die ich entweder schon einen tollen Schnitt in petto habe, oder die noch darauf warten, irgend etwas schönes zu werden.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s