Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 14. Dezember

14-12-13Als Ludwig am späten Vormittag des folgenden Tages in die Redaktion kam, empfing ihn der Chefredakteur mit einem Bündel von Zetteln.

„Da sind Sie ja endlich!“, rief er. „Was glauben Sie, was das ist?“ Er wartete gar nicht auf eine Antwort. „Das sind alles Reaktionen auf Ihren Artikel. Lauter Leute, die von Ihrem Bericht aufgerüttelt worden sind und den Obdachlosen helfen wollen. Das Telefon steht schon den ganzen Vormittag nicht still. Wir brauchen jemanden, der die Hilfsangebote koordiniert. Das machen Sie!“

„Ich?“, fragt Ludwig. Er fühlte sich überrumpelt.

„Natürlich Sie. Es war Ihr Artikel.“

Ludwig setzte sich an seinen Arbeitsplatz und begann die Zettel zu sortieren. Mehrere Leute boten Isomatten und Schlafsäcke an. Ein Umzugsunternehmen hatte noch Platz in einer Lagerhalle und bot sie zum Übernachten an. Eine Großküche wollte zum Selbstkostenpreis eine warme Mahlzeit am Tag kochen und zu den Leuten bringen. Und viele Leute wollten Kleider oder Geld spenden. Ludwig kümmerte sich um alles. Er arbeitet viele Tage bis spät in die Nacht um alles zu organisieren. Nie hätte er gedacht, was für ein Aufwand an Bürokratie nötig war, nur um ein paar Menschen zu helfen.

Es war einige Monate später. Der Winter war vorbei. Aus der spontanen Hilfsaktion für Obdachlose war ein Verein geworden, der sich auch um andere soziale Projekte kümmerte. Im Moment versuchte der Verein ein Haus mit Garten anzumieten, um Unterstände für Menschen mit Angst vor geschlossenen Räumen anbieten zu können. Außerdem wollten sie den Leuten die Möglichkeit zur Gartenarbeit zu geben, weil das eine gute Therapiemethode war für Menschen, die schlimme Wunden an der Seele hatten.

„Wir brauchen einen Artikel darüber in der Zeitung“, sagten Ludwigs Mitstreiter zu ihm. „Etwas, das an die Herzen der Leute rührt, so wie dein Bericht vor Weihnachten.“

Ludwig setzte sich an seinen Schreibtisch. Er machte den Computer an. Er starrte auf den leeren Bildschirm, aus dem Fenster, auf die Wand. Er stand auf und kochte Kaffee. Er setzte sich wieder an den Computer. Nichts. Keine einzige Idee tauchte in seinem Kopf auf.

Da erinnerte er sich an den Bleistift. Vielleicht konnte der ihm helfen.

Beim letzten Mal war der Strom ausgefallen gewesen. Ludwig schaltete also alle Lampen und den Computer aus. Er holte die Campinglampe und einen Schreibblock und nahm erwartungsvoll den Bleistift zur Hand. Er schloss die Augen. Nichts passierte. Ach ja, beim letzten Mal hatte er einen karierten Block gehabt. Aber auch mit einem karierten Block passierte nichts. Doch als Ludwig sich restlos albern vorkam und gerade aufgeben wollte, begann seine Hand zu zucken. Der Stift begann mitten auf der Seite. Er schrieb aber nicht, sondern zog gerade Linien. Ludwig öffnete die Augen und sah zu, was auf seinem Blatt geschah. Der Bleistift malte hin und her, nach rechts, nach links, nach oben, nach unten. Schließlich machte er einen schwungvollen Bogen nach rechts, malte noch zwei Zacken und kam mit einem letzten Bogen nach links zurück zu seinem Ausgangspunkt. Dann begann die Zeichnung in allen Regenbogenfarben zu schimmern.

„Was will mir dieser Stern jetzt sagen?“, fragte Ludwig laut in seine leere Wohnung hinein.

Er überlegte eine Weile.

Stern, Sternschnuppe, Komet, leuchtender Stern, Stern von Bethlehem. Das war es! Das war der Stern von Bethlehem, der die heiligen drei Könige zu Jesus geführt hatte. Die drei Könige hatten eine lange, gefahrvolle Reise unternommen, um einem kleinen Baby ihre Gaben in einen Stall zu bringen. Einem Baby, von dem sie glaubten, dass es die Welt zum Besseren wenden würde.

Auf einmal waren die Worte da. Ludwig schrieb: „Kurz vor Weihnachten habe ich über Obdachlose berichtet und die Bürger antworteten mit einer großen Welle von Hilfsbereitschaft. Aus dieser Welle ist etwas viel größeres geworden. Menschen haben sich gefunden, um für andere unsere Stadt zu einem besseren und lebenswerteren Ort zu machen. Wenn uns das gelingt, wenn wir alle diesen weiten Weg gemeinsam bis zum Ende gehen, dann ist jeden Tag ein bisschen Weihnachten für jeden von uns.“

Annegret hatte geendet. „Vielleicht ist der Schluss ja ein bisschen zu rührseelig“, sagte sie dann, als keiner etwas sagen wollte.

Die anderen schüttelten die Köpfe. „Die nehmen wir, genauso, wie sie ist.“

Klara seufzte. „Das Buch hätte ich schrecklich gerne. Gibt es noch mehr Geschichten?“

„Abwarten“, sagte der Weihnachtsmann, „Schau’n wir mal, wo wir als nächstes landen.

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