Weihnnachtsmarkt in Winkelhausen : 15. Dezember

15-12-1310. November

„Wo sind wir denn jetzt?“, fragte Thomas.

Oh, keine Geschichte mehr?“, sagte Klara enttäuscht.

Statt in dem Klassenzimmer waren sie in einem Wohnzimmer angekommen. Eine Gruppe Frauen saßen um einen Tisch herum, auf dem eine bunte Flickendecke ausgebreitet war. Neben ihnen auf kleinen Tischen standen Becher  mit Getränken und Obst und Knabbereien.

„Wir sind bei einer der Quilterinnen aus dem Patchwork-Club“, antwortete der Weihnachtsmann. „Es ist der 10. November.“

Die Frauen am Tisch schienen mit Nadeln durch den Tisch zu stechen. Klara lief hin, um sich das genauer anzusehen. Da bemerkte sie, dass das, was sie für einen Tisch gehalten hatte, in Wirklichkeit ein großer Rahmen war, über den die Flickendecke gespannt war. Oben war der Stoff, der aus hunderten von kleinen Quadraten und Dreiecken zusammengesetzt war, dann kam eine dünne Schicht Watte und dann ein weicher einfarbiger Stoff. Die Frauen nähten die drei Lagen zusammen. Ihre Nähte verliefen in Schnörkeln und Spiralen und bildeten schöne Muster. Klara war beeindruckt. Diese Flickendecke war ein echtes Kunstwerk.

Ein kleiner Junge kam in den Raum. Er stibitzte sich eine Mandarine von einem Teller und begann sie abzuschälen. Als er sich die ersten Schnitze in den Mund gesteckt hatte, fragte er:“Warum heißt die Mandarine eigentlich Mandarine?“

Eine der Frauen antwortete: „Ich habe keine Ahnung, aber ich kenne eine Geschichte, die deine Frage beantwortet. Ob sie wahr ist, weiß ich nicht, aber sie ist hübsch. Willst Du sie hören?“

„Bitte, bitte, bitte“, flehte Klara lautlos. „Eine Geschichte!“

Der Junge nickte mit vollem Mund und die Frau begann:

Der Fürst und die Ente

Es war einmal in China ein mächtiger Fürst. Er war ziemlich eitel und trug immer ganz prächtige Gewänder. Er lebte in einem prachtvollen Palast in einem wunderschönen Garten. In diesem Garten gab es einen Teich mit Enten und einen Baum mit köstlichen Früchten. Nur der Fürst durfte diese köstlichen Früchte essen. Jeden Tag pflückte ein Diener eine Frucht, legte sie auf einen Teller aus feinstem Porzellan und servierte sie dem Fürsten zum Frühstück auf der Terrasse am Teich. Eines Morgens kam der Fürst etwas später als sonst zum Frühstück. Der Diener hatte die Frucht bereits auf den Tisch gestellt und als der Fürst aus dem Haus trat, konnte gerade noch sehen, wie eine Ente aus dem Teich die Frucht von seinem Teller stahl. Außer sich vor Wut ließ der Fürst die Ente einfangen und riss ihr zur Strafe alle Federn aus.

Am nächsten Morgen jedoch war die Ente wieder zur Stelle. Alle ihre Federn waren nachgewachsen und obendrein waren sie wunderschön bunt. Das Gefieder der Ente war prächtiger als die schönste Kleidung des Fürsten.

„Die will ich unbedingt in meinem Garten behalten“, dachte der Fürst, „doch wie stelle ich das an?“ Er warf der Ente Reis zu, aber die kümmerte sich nicht darum. Er bot ihr von seinem süß-sauren Fleisch, aber auch das wurde verschmäht. Schließlich fiel ihm ein, dass die Ente von seiner köstlichen Frucht gestohlen hatte und er gab ihr davon eine Hälfte. Die Ente sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an, als wolle sie sagen: „Ich weiß genau, warum du das tust“, nahm aber die Frucht entgegen.

Von nun an teilte der Fürst jeden Tag sein Obst mit der Ente. Die Ente begleite ihn auf seinen Spaziergängen durch den Garten und hörte sich seine Ideen an. Beide wurden unzertrennlich. Und jeden Tag teilten sie eine der köstlichen Früchte. Als die Ente eines Tages starb, war der Fürst untröstlich. Er mochte nichts mehr essen, er konnte nicht schlafen und selbst die köstliche Frucht schmeckte ihm wie Stroh.

Eines Morgens sah er ein Kind am Teich. Es war die Tochter seines Kochs, die sich in den Garten geschlichen hatte. Als die Kleine den Fürsten bemerkte, wollte sie davonlaufen. Aber der traurige Fürst sagte: „Hab keine Angst, ich tue dir nichts. Hier, nimm von der köstlichen Frucht.“ Als das Kind die Frucht strahlend entgegen nahm, fühlte sich der Fürst so leicht ums Herz, wie schon lange nicht mehr.

In der Nacht träumte er von seiner Ente. Sie kam über den Teich auf ihn zu geschwommen und sagte: „Du hast zu wenig Früchte, aber für dich hast du zu viel.“ Dann verwandelte sie sich in das kleine Mädchen und lief lachend davon.

Der Fürst dachte viele Tage darüber nach, was dieser Traum zu bedeuten hatte. Dann begriff er. Seine köstliche Frucht hatte ihm am besten geschmeckt, als er sie mit der Ente geteilt hatte. Und als er dem Kind eine Frucht geschenkt hatte, war er beinahe wieder froh gewesen. Er ließ viele neue Bäume mit köstlichen Früchten anpflanzen und als sie Früchte hatten, verteilte er sie an jeden, der an seinem Palast vorbei kam.

Als der Fürst nach einem langen, glücklichen Leben schließlich starb, benannten die Menschen ihm zu Ehren die prächtig bunten Enten und die köstliche Frucht nach ihm.

„Und wie hieß jetzt die Frucht?“, fragte der kleine Junge.

„Na, dreimal darfst Du raten“, lachte die Erzählerin.

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