6. Philharmonisches Konzert in Cottbus

ATLI INGÓLFSSON (*1962)
Cottbus Diptych II: Slur | Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus  Uraufführung

JÖRG DUDA (*1968)
„Longing for Silence“ Op. 75/1b
Konzertstück Nr. 2 für Bassposaune und Orchester | Uraufführung

ANTONÍN DVOŘÁK (1841-1904)
Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 (Aus der Neuen Welt)

Stefan Schulz – Posaune
Philharmonisches Orchester
Dirigent: Ivan Repusic

Schon lange habe ich nichts mehr aus dem kulturellen Leben in Cottbus berichtet, dabei pilgere ich brav allmonatlich zum Cottbuser Staatstheater ins Konzert. Dieses mal war es aber anders, denn dieses Mal verschickte Evan Christ, der hervorragende Generalmusikdirektor, eine persönliche Einladung an die Konzertabonenten. Er schwärmte nachdrücklich von der Uraufführung des Duda-Bassposaunenstücks mit dem Ziel, das Publikum ins Konzert zu locken.

Bei mir hat es funktioniert, zum Glück, denn sonst wäre mir ein absolut hörenswertes Konzert entgangen. Mit den Erfahrungen, die ich in Cottbus mit Uraufführungen gemacht habe, hätte ich mir wohlmöglich überlegt, das auch eine perfekt gespielte Sinfonie aus der Neuen Welt die Langeweile und den Ärger, die mir diese Uraufführungen bereiten, nicht aufwiegen kann, vor allem, wenn dann nicht einmal der GMD am Pult steht, sondern ein Gastdirigent. Erschwerend kam hinzu, dass der erste Teil des Cottbus Diptych von Herrn ATLI INGÓLFSSON im letzten Philharmonischen Konzert mal wieder eine dieser absolut unerträglichen und überflüssigen „Kompositionen, die die Welt nicht braucht“ war. Ich nenne das „Reispapiermusik“. Der Komponist hat eine kleine Idee, die bei Komponisten wie Brahms, Bruckner oder Beethoven für 4-8 Takte Musik gereicht hätte (oder vielleicht auch 10-12, wenn sie mal schlecht drauf waren). Ein Johann Sebastian Bach hätte natürlich aus einer solchen Idee eine 6-Stimmige Fuge komponiert, aber es ist unfair, Vergleiche mit Bach zu ziehen, da sieht jeder Komponist alt aus. Unser Komponist aber walzt diese kleine Idee so lange aus, bis sie 10 Minuten lang und so dünn ist, wie Reispapier – und genauso substanzlos. Am Ende wird das Machwerk mit maximaler Orchestrierung aufgebauscht und ausgestopft, damit keiner merkt, dass es in Wirklichkeit vollkommen belanglos ist. Gestern stand der 2. Teil dieses Werkes auf dem Programm, ein wahrhaft abschreckender Gedanke.

Im letzten Konzert gab es aber auch noch eine weitere Uraufführung: Der Schlagzeuger brachte als Zugabe: „WOLFGANG REIFENEDER (*1960): Crossover für kleine Trommel solo“ mit, und in diesen vier kleinen Sätzen waren mehr Spannung und geniale Ideen mit nur einem Instrument, als zuvor im Diptych mit riesiger Orchsterbesetzung!

Nun, ich kämpfte noch mit der Entscheidung, gestern ins Konzert zu gehen, denn wenn du einmal drin bist, musst du durchhalten bis zum bitteren Ende. Als gut erzogene Konzertbesucherin komme ich natürlich pünktlich ins Konzert und nicht erst nach dem ersten Stück. Mittendrin aufstehen und gehen kommt auch  nicht in Frage, das habe ich bisher nur einmal im Theater getan, und da war ich 20 Jahre jünger. Das Stück war übrigens so schlecht. dass ein Radio-Sender die Leute interwievte, die in der Pause die Flucht ergriffen. Aber ich schweife ab. Die Alternative zur Flucht wäre Stricken, aber das geht natürlich auch nicht im Konzert. (Ich habe allerdings schon mal einen kopierten Artikel aus einer Fachzeitschrift im Programmheft getarnt gelesen, aber ganz fein ist das natürlich auch nicht.)

Letztendlich war das alles auch nicht nötig. Teil II des Diptych war eigentlich recht gut, also um Welten besser als Teil I. Das Konzertstück von Herrn Duda war absolut klasse und wunderbar gespielt, sowohl vom Solisten als auch vom Orchester. Bassposaune ist ja ein Instrument, dass am ehesten im Jazz mit einer Hauptrolle bedacht wird, und eine klassische Komposition ist unter solchen Umständen immer spannend. Das Stück von Herrn Duda war außerdem erfreulich wenig experimentell, was bedeutet, dass man Melodien und Themen erkennen konnte und das Zuhören nicht nur anstrengend war.

Und ANTONÍN DVOŘÁK’s 9. Sinfonie ist ja an sich schon ein wunderschönes Stück. Hier wurde sie mit einer Innigkeit gespielt, die man sich schöner nicht wünschen könnte, ohne an Klarheit zu verlieren und das auch noch völlig Kitsch-frei. Das hätte ich auch in Berlin nicht besser hören können. Interessant ist übrigens der direkte Vergleich : Wir haben die 9. schon einmal in Cottbus gehört, damals noch unter dem alten GMD, und ich kann mich nicht erinnern damals ähnlich beglückt aus dem Konzert gekommen zu sein.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich dank Herrn Christ’s freundlicher Einladung genau zur rechten Zeit am rechten Ort war, um einen wunderbaren Konzertabend zu erleben.

2 Antworten zu “6. Philharmonisches Konzert in Cottbus

  1. hallo Stefanie,
    ich habe Deine Frühlingspost nicht vergessen – sie kommt zu spät, aber trotzdem von Herzen! liebe Grüße, Petra

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  2. Liebe Stefanie, herzlichen Dank etwas nachträglich für Deine Frühlingspost. Die 5 Frühlingsblüten haben sich zu den anderen Karten im Flur gesellt und verschönern nun die FrühlingsPinWand. Herzliche Grüße nach Vetschau, martina

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