Weihnachstmarkt in Winkelhausen: 12.Dezember

12-12-1314. Oktober

Der Weihnachtsmann und die Kinder befanden sich in einem Wohnzimmer. Die Möbel waren altmodisch, über den geblümten Sesseln lagen kleine Schondeckchen und jede freie Fläche war mit kleinen Figürchen vollgestopft. Zumeist waren es Kinder mit kurzen Kleidchen und runden Backen. Am Tisch saß die Frau im rosa Strickpulli, die im Schreibkurs nach den Engelchen und Wichteln gefragt hatte. Nur ihr Pulli war heute nicht rosa sondern grün mit glitzernden Streifen. Sie saß am Esstisch, vor sich einen Schreibblock, eine Tasse Tee und einen Teller mit Keksen. Eine CD mit Weihnachtsliedern lief.

„Das ist Annegret“, sagte der Weihnachtmann. „Die ganze Woche schon versucht sie, eine Geschichte mit Engelchen, Rehlein und Wichteln zu schreiben, aber es will ihr nicht gelingen. Ich glaube, ich sollte ihr mal ein wenig helfen.“

Er ging zum Tisch und gab dem Bleistift, der darauf lag, einen kleinen Stups. Er rollte zum Rand und fiel mit einem Klappern zu Boden. Annegret zuckte zusammen und sah dem Stift nach, der unter den Schrank rollte. Seufzend stand sie auf, ging zu einer Kommode, zog eine Schublade auf und holte einen Stift heraus. Dann stand sie eine ganze Weile da und starrte auf den Stift in ihrer Hand. Schließlich legte sie ihn wieder in die Schublade zurück. Sie schien sich einen Ruck zu geben und zog eine schmale Schachtel hervor. Damit in der Hand setzte sie sich wieder an den Tisch. Aus der Schachtel nahm sie einen  Zettel, den sie durchlas. Dann nahm sie aus der Schachtel einen Bleistift. Er war über und über mit glitzernden Hologrammstickern beklebt und schien im Lampenlicht zu funkeln. Annegret zog den Block zu sich und begann zu schreiben.

„Was ist das für ein Stift?“, fragte Klara. „Ist der magisch?“

„Alles ist magisch, wenn man es nur sehen will“, entgegnete der Weihnachtsmann. „Diesen speziellen Stift hat Annegret allerdings von ihrer Nichte geschenkt bekommen, und was es damit auf sich hat, kannst Du auf dem Zettel nachlesen.“

Klara ging auf Zehenspitzen zum Tisch. Sie hatte sich noch immer nicht völlig daran gewöhnt, dass sie für die Leute unsichtbar war. Thomas kam mit und sah ihr über die Schulter. Gemeinsam lasen sie:

Liebe Tante Annegret!

Dieser magische Bleistift wird Dir bei Deinen Geschichten helfen. Wenn Dir mal nichts einfällt, dann lass ihn die Geschichte aufschreiben, die in ihm steckt.

Deine Britta

Die Kinder sahen sich schulterzuckend an. Dann wandten sie sich Annegret zu, die emsig schrieb. Ihre Schrift war rund und gut zu lesen. Auf dem Schreibblock stand:

Ludwig war Journalist bei einer Tageszeitung. Die Zeitung war nicht groß, aber die Berichte waren sorgfältig geschrieben und recherchiert. Als Ludwig frisch von der Hochschule kam, hatte er vorgehabt, über große Politik in einer großen Tageszeitung zu schreiben und in ferne Länder zu reisen, um dort Missstände aufzudecken. Doch solche Stellen waren dünn gesät, und schließlich war er bei einer Zeitung in einer Kleinstadt gelandet. Die Zeitung war so klein, dass jeder Journalist über alle Themen schreiben musste, und große Missstände, die man aufdecken konnte, gab es auch nicht. Allerdings war die Arbeitslosigkeit in der kleinen Stadt außergewöhnlich hoch, weil eine große Fabrik, in der viele Menschen beschäftigt gewesen waren, geschlossen worden war.

Der Abend, der Ludwigs Leben entscheidend verändern sollte, begann damit, dass er über den Weihnachtsempfang des Bürgermeisters schreiben sollte. Alle wichtigen Leute in der Stadt würden anwesend sein: die Stadträte, der Direktor der Gesamtschule, der Leiter der Klinik, der Direktor der Sparkasse und so weiter und so weiter. Alle würden sich mit gutem Essen und gutem Wein voll stopfen und sich gegenseitig zu einem erfolgreichen Jahr gratulieren. Man würde Kontakte pflegen, Geschäfte vorbereiten, Sponsoren für Vereine und öffentliche Einrichtungen würden gesucht und gefunden werden. Am Ende würde man Geld für einen wohltätigen Zweck sammeln.

Ludwigs Arbeit bestand darin, zu berichten, wer da war, was der Bürgermeister in seiner Rede gesagt hatte, was es zu essen gab und wofür gespendet worden war. Ein Auftrag, der eine halbe Stunde auf dem Empfang und eine weitere halbe Stunde zu Hause am PC erforderte. Mürrisch zog er einen Anzug an. Er verabscheute diese Art von Empfängen, besonders, weil er sich dafür schick anziehen musste.

Am Rathaus fand er keinen Parkplatz und musste deshalb ein paar Straßen durch den Schneematsch waten. Auf einmal sah er im Licht der Straßenlaterne etwas auf dem Gehsteig glitzern. Er hob es auf, es war ein Bleistift, der mit einer Glitzerfolie bedeckt war. Wer den wohl verloren hatte? Gedankenverloren steckte er ihn ein. Als er sich auf dem Empfang Notizen machen wollte, stellte er fest, dass er seinen Kugelschreiber in seiner anderen Jacke vergessen hatte. Da kommt mir der Bleistift gerade recht, dachte er und begann mit der Arbeit.

Als er später zu Hause seinen Bericht schreiben wollte, fiel der Strom aus. Ärgerlich suchte sich Ludwig einen Schreibblock und eine Campinglampe. Dann nahm er seine Notizen und den Bleistift und wollte schon einmal anfangen. In der Redaktion gab es einen Scanner und ein Programm, mit dem handschriftliche Berichte in den Computer eingelesen werden konnten. Wenn man sauber genug schrieb, brauchte man nicht den ganzen Text nochmals abzuschreiben. Er musste dann zwar noch einmal zu Zeitung fahren, anstatt den Text per

e-Mail in die Druckerei zu senden, aber wenigstens konnte er so zu Hause arbeiten.

Aber was war das? Der Bleistift schrieb nicht! Ludwig sah die Spitze an. Er war spitz genug, nicht abgebrochen, scheinbar völlig in Ordnung. Aber warum schrieb des dumme Ding nicht? Eben hatte er doch noch seine Notizen damit gemacht! Er kritzelte ein paar Mal ohne hin zuschauen auf dem Blatt herum. Auf einmal zuckte seine Hand, die den Bleistift hielt. Dann begann sie, rasch über das Papier zu gleiten. Ludwig traute sich nicht, auf das Blatt zu schauen. Erst als seine Hand still hielt, wagte er, den Text zu lesen, den er mit dem Bleistift, oder besser der Bleistift mit ihm geschrieben hatte. Er handelte von Obdachlosen, die unter der Autobahnbrücke wohnten, was im Winter besonders schlimm war.

Ludwig runzelte die Stirn. Wie kam er dazu, einen solchen Text zu schreiben? Er hatte noch nie Obdachlose unter der Brücke gesehen.

Da ging der Strom wieder an. Ludwig schrieb seinen Bericht über den Weihnachtsempfang, mailte ihn in die Redaktion und ging dann zu Bett. Er war hundemüde und hatte vermutlich zu viel Alkohol getrunken, wenn er sich schon von selbst schreibende Bleistifte einbildete.

„Wow“, flüsterte Thomas, „so etwas Tolles kann die Pulli-Tante schreiben?“

„Können wir nicht noch bleiben? Ich möchte so gerne den Rest der Geschichte lesen, “ bettelte Klara, als der Weihnachtsmann Anstalten machte, weiter zu reisen.

„Keine Sorge, ihr sollt aber sehen, was die anderen im Schreibkurs davon halten. Kommt jetzt!“

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