Unterwegs

Anfang Oktober waren wir auf einer Hochzeit im Westen Frankreichs, nur ca. 100 km vom Atlantik entfernt. Für die Hinreise vom (fast) östlichsten Vorposten unserer Republik bis beinahe an die Westgrenze des Kontinents haben wir uns zwei Tage genommen, für die Rückreise haben wir uns zwei Wochen Zeit gelassen. Dabei sind wir mehr oder weniger südlich der Loire quer durch Frankreich gefahren. Keine Angst, hier folgt kein detaillierter Reisebericht, nur ein Haufen Fotos von prägnanten Eindrücken der Reise. Die meisten Bilder habe ich deutlich größer hochgeladen, ein Klick auf das Bild führt zur größeren Bilddatei.

Hier ist eine schön bemalte Loire-Brücke. Der Wasserstand ist wirklich beunruhigend niedrig, der braune Streifen direkt unterhalb der Fahrbahn ist normalerweise mit Wasser bedeckt, ebenso wie der größte Teil der Feldsteine an den Brückenpfeilern.

Das ist die Kathedrale von Tours, die erste von einer Unmenge Kathedralen und Kirchen, die wir von innen oder außen besichtigt haben. Auf den kleinen Podesten am Portal standen früher mal Heilige, die aber den Bilderstürmern der Revolution zum Opfer gefallen sind. Man kann nur dankbar sein, dass diese uralten Bauwerke allein durch ihre Größe einen praktischen Nutzen für die Revolutionäre hatten, wenn sie nicht zu „Tempeln des Höchsten Wesens“ umgewidmet wurden. Sie dienten teilweise als Ställe, Weinlager oder auch Gefängnisse und wurden zum Glück nicht geschleift. Viele dieser Bauwerke stammen zum Teil aus dem 8. und 9. Jahrhundert, auch wenn der größte Teil der Kirchen im 12. bis 15. Jahrhundert begonnen und fertiggestellt wurde. Dass Menschen eine solche Vision hatten und über Jahrhunderte daran festgehalten und gebaut haben, erfüllt mich immer wieder mit Ehrfurcht.

Unsere erste Station auf der Reise war Bourges, eine wunderschöne mittelalterliche Stadt mit – wie kann es anders sein- einer Kathedrale.

Die Hauptfassade mit fünf Portalen passt nicht auf das Foto, denn dieses Gotteshaus ist eins der größten Frankreichs. Hier ist der Sandstein von der untergehenden Sonne golden gefärbt.

Bourges ist 2028 Kulturhauptstadt Europas, deshalb wird an vielen Ecken der Stadt gebaut und restauriert. Es gibt Gassen mit tollem, fotogenem Fachwerk, die ich nicht fotografiert habe. Leider sind in den Straßen abseits viele Häuser leer und verfallen.

Hier wurden einmal Möbel repariert. „Aber wer repariert jetzt meinen Stuhl?“ fragt die kleine Sprayerin.

Aschenputtel sucht ihren Sneaker und das Blumengeschäft heißt „Gießkanne und Pollen“.

Weitere Fundstücke entdecke ich im Palais Jaques Cœur. Jaques Cœur war Besitzer eines Handelsimperiums im Mittelmeerraum, und war außerdem „Argentier“ des französischen Königs, was gerne mit „Finanzminister“ übersetzt wird, aber eigentlich der Beschaffer von Luxusgütern, Schmuck und Edelmetallen ist. Er hat immense Reichtümer angehäuft und für die Zurschaustellung seines Geldes und seiner Macht einen über 4 000 Quadratmeter Stadtpalast bauen lassen. Soviel Reichtum ist ungesund, und deshalb nahm es mit dem guten Jaques auch ein schlimmes Ende, nachzulesen in der Wikipedia. Dort kann der interessierte Leser auch über das Palais, für das es im Deutschen keine echte Übersetzung gibt, weitere Informationen finden.

Von der ursprünglichen Ausstattung ist viel in den Revolutionswirren zerstört worden. Hier ist ein Teil der restaurierten bzw. nachgebildeten Einfassung des Kamins im Festsaal zu sehen. Die Schnecken und lustigen Figuren im oberen Teil sind sicher originalgetreu, denn es gibt an ähnliche Figuren an der Umrandung einer Tür, die original sind. Bei den lustigen Affen bin ich nicht sicher, wielviel der Fantasie des Restaurators entsprungen ist.

Auf der Weiterreise machten wir einen kleinen Stopp in Sancerre, wo der gleichnamige trockene Weißwein herkommt. Ein Turm aus dem 14.Jahrhundert kann bestiegen werden, und nach 195 Stufen wurden wir mit diesem spektakulären Blick über das Loiretal belohnt.

Unser nächstes Ziel war Cosne Cour sur Loire, bei dem man das S im Namen nicht ausspricht. Es ist ein „Dehnungs-S“ und ist in anderen französichen Wörtern durch den berühmten Accent circonflex ersetzt worden, wie etwa in Rhône. Die Gegend hier ist eher ärmlich. Als wir dort waren, gab es eine Kirmes. Mein Mann wollte unbedingt sehen, wie so etwas in Frankreich abläuft. Ich hoffe nicht, dass es immer so ist, denn diese Kirmes war mit Abstand die deprimierendste, die ich je gesehen habe. Es war Samstag Abend. Von den vier oder fünf Fahrgeschäften war eines in Betrieb mit nur einem Pärchen darin. Es gab ein paar Schießbuden, Losbuden und Enten-Angel-Becken und sonst nur diese Glaskästen, in denen man mit einem Greifer häßliche Plüschtiere und ähnliche Scheußlichkeiten angeln kann. Fast kein Mensch war auf der Straße unterwegs. Deprimierend.

Aber eigentlich war Cosne Cour auch nur Station, weil ich nach Guédelon wollte. Dort wird seit fast 20 Jahren eine mittelalterliche Burg ausschließlich mit Materialien und Werkzeugen, die es auch in jener Zeit gab, gebaut. Das ganze ist eine riesige Anlage experimenteller Archäologie und unglaublich spannend, wenn man sich dafür interessiert. Wir haben unglaublich viel über mittelalterliche Bauweise gelernt. Zum Beispiel, dass das zarte Graublau von Wandmalereien aus Kohle und Kalk gemacht ist und nicht etwa ausgeblichen ist. Oder dass der Schluss-Stein eines Gewölbes gar nicht der Abschluss-Stein ist, sonder ganz im Gegenteil als erstes auf das Holzgerüst gesetzt wird, auf dem das Gewölbe gebaut wird und dann die Steine von unten hinauf gesetzt werden. Vor lauter Begeisterung habe ich überhaupt nicht fotografiert sondern bin in alle Winkel gekrochen und habe jede einzelne Tafel gelesen. Immerhin habe ich mir ein Buch gekauft:

Unser letztes Ziel war Mellecey (ja Ihr habt es fast geschafft), das verkehrstechnisch günstig zu Dijon, Cluny und Beaune liegt.

Von der Abteikirche von Cluny steht nur noch ein Türmchen und ein kleiner Teil der Seitenschiffs. Wobei „klein“ sehr relativ ist. Manche Kirche, die ich kenne würde locker in diesen „kleinen Rest“ hineinpassen. Auf dem Foto seht Ihr hinten diesen kleinen Turm und vorne im Bild, direkt hinter dem Pflasterkreis war einmal die Apsis der Kathedrale. Sie war, bevor der Petersdom in Rom gebaut wurde, die größte Kirche der Christenheit.

Die Abtei wurde im 10. Jahrhundert gegründet. Die Stifter der Abtei erhofften für sich und ihre Familien Schutz vor Verdammnis und Seelenheil. Dafür wurde in Cluny die Benediktinische Ordensregel, die anscheinend verweltlicht war, wieder auf die Grundsätze zurückgeführt und sehr streng ausgelegt. Der sogenannte Cluniazensische Verband wurde gegründet zu dem im Laufe der Jahrhunderte zur Blütezeit 1200 Klöster gehörten, die allesamt von Cluny aus geführt wurden. (Das ist ziemlich vereinfacht, aber 600 Jahre Klostergeschichte kann man nicht wirklich in drei Sätzen zusammenfassen.) Die Religionskriege im 16. Jahrhundert beendeten diese Blüte und zur Zeit der französichen Revolution war der Cluniazensische Verband eigentlich bereits Geschichte. Das Kloster wurde aufgelöst, die Abteikirche verscherbelt und als Steinbruch für den Straßenbau und den städtischen Häuserbau genutzt.

Dieses Gebäude beherrbergt heute unter anderem das Rathaus von Dijon. Ursprünglich war es der Palast der Herzöge von Burgund, deren Reich einmal bis an die Nordsee reichte. Das Kunstmuseum, das wir uns ansehen wollten, war leider geschlossen, wir hätten und besser vorher informiert.

So sehen dort übigens die Regenfallrohre aus.

Das kleine Schloss Cormatin ist ein Juwel aus dem 17. Jahrhundert, eine gute halbe Autostunde nördlich von Cluny. Es ist Privatbesitz und wurde in den 80-er Jahren halb zerfallen von drei engagierten Menschen gekauft und restauriert. Unglaublich ist, dass die Innenausstattung tatsächlich original ist. Unter jeder Menge Dreck, Schimmel und schlimmerem konnten die Täfelungen und Wandmalereien geborgen werden. Die Geschichte der Restaurierung kommt einem wie ein kleines Wunder vor. Es gibt ein kleines Video vom Schloss auf YouTube. Ich meine, ich hätte einmal eine Dokumentation über die Restaurierungsarbeiten gesehen, irgendwann in den 90ern, aber vielleicht täuscht mich die Erinnerung.

Die wundervollen Gärten haben unter der Trockenheit und dem Bewässerungsverbot extrem gelitten, ich bin nicht sicher, ob der Buchsbaum überlebt hat. Ins Innere des Schlosses kommt man nur mit einer Führung. Wir hatten Glück mit unserer Führerin, einer kleinen alten Dame, die uns das Schloss mit großer Begeisterung und Liebe darbot.

Im Kuriositäten-Kabinett, das nach alten Aufzeichnungen wieder ausgestattet wurde, befinden sich sogar 2 Hörner vom Einhorn! Oder sind es doch nur Narwalstoßzähne?

In der Mitte des Labyrints ist ein kleiner, zweigeschossiger Pavilion mit dieser wunderschönen schmiedeeisernen Kuppel. Um ihn zu erreichen, muss man erfreulicherweise nicht durch die Buchsbaumhecken irren, man kommt auf direktem Weg dorthin.

Das Hotel Dieu in Beaune war unser letztes touristischel Highlight. Wieder einmal zum Erwerb des Seelenheils geründet wurde es vom 15. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre erst als Krankenhaus, dann als Pflegeheim genutzt. Die vom Stifter selbst geschriebenen Krankenhausregeln muten ausgesprochen modern an, besonders was die Hygiene angeht. Auch hier gibt es einen Audioguide, der sich lohnt. Über meine orangenen Fundstücke in Beaune habe ich schon geschrieben. Aber mitten in der Stadt habe ich noch einen kleinen Weingarten entdeckt.

Aus den Trauben des Clos Saint Bernadin wird Meßwein gekeltert.

Wir krönten unsere Reise mit einem Essen im Table de Givry, für das ich hier mal ganz unaufgefordert Werbung mache. Wer hervorragend zubereitetes Essen mit einem kleinen Etwas abseits der Gewohnheiten mag, ist hier genau richtig. Die Küche experimentell zu nennen, wäre zuviel, ungewöhnlich trifft es besser. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so wunderschön und liebevoll zubereitetes Essen gegessen habe. Auch hier habe ich nicht fotografiert. Offensichtlich bin ich nicht besonders gut darin, mein Leben Social-Media-tauglich zu dokumentieren.

Die Besitzer sind zauberhaft, das ganze Ambiente ist gemütlich und kein bisschen überkandidelt. Unbedingt reservieren! Wir standen am Tag zuvor ohne Reservierung da, und wurden dann sehr freundlich und hilfsbereit an ein anderes Restaurant weiter vermittelt.

Unterwegs ist ein Feld in Antetannis Jahresbingo 2026.

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