Elna Lotus SP – Bitte einmal Reparieren und Abschmieren

Dieses Jahr wollte ich mit der Bahn zur AnNäherung nach Bielefeld fahren. Die Reise mit dem Auto dauert bei den ganzen Baustellen auf meinem Weg und den benötigten Kaffeepausen um wach zu bleiben immer locker zwei Stunden länger, als das Navi glaubt, und das wollte ich mir dieses Jahr nicht antun.

Ich habe mir also einen großen, stabilen Koffer gekauft und meine „kleine“ Pfaff zur Reparatur geschickt. Als beides (wieder) bei mir eingetroffen war, stellte ich fest, dass die Nähmaschine nur hochkant in den Koffer passt. Selbst wenn ich sie mit dem Schlafsack auspolstere, den ich immer mitnehme, weil ich in Bielefeld immer friere, ist hochkant transportieren für eine Nähmaschine keine Option. Außerdem wiegt die „kleine“ Pfaff schon 11,6 kG, irgendwie habe ich da nicht richtig nachgedacht.

Bei Carola hatte ich bereits die Elna Lotus Reisenähmaschine gesehen, die wollte ich auch haben. Tatsächlich habe ich auch eine auf Kleinanzeigen gefunden.

Die Elna Lotus SP (wie spezial) Modell 35 wurde Ende der 1960er – Anfang der 1970er in der Schweiz gebaut. Das Design ist preisgekrönt, vollkommen zu Recht. Vorne, hinten und an der linken Seite lassen sich die Wände der Verpackung herunterklappen und werden zum Anschiebetisch. Sie öffnet sich quasi wie eine Lotusblüte, daher der Name. Von der Größe ist sie etwas tiefer als ein Aktenordner, der auf dem Rücken liegt. Gewicht bescheidene 6,3kG. Für die Größe scheint das schwer, das liegt daran, dass innen fast kein Plastik verbaut ist.

Meine kleine Lotus ist in einem sehr gepflegten Zustand, nur vom Fadenspannungsregler ist die Beschriftung abgefallen, aber das lässt sich mühelos kleben. Trotzdem möchte ich sie beim Reparaturdienst einmal durchchecken lassen, damit sie mich nicht auf der AnNäherung im Stich lässt. Mein Techniker lacht, als ich frage, ob ich sie bringen und Ende der Woche wieder abholen kann. Er hat frühestens in vier Wochen einen Termin.

Aufschrauben, Staub mit Druckluft aus der Dose herauspusten und ölen sollte ich auch selber hinbekommen.

Für alle, die so etwas auch mal machen wollen, kommt hier eine kleine Anleitung.

  1. Probiert das bitte nicht mit einer modernen Nähmaschine aus. Die sind kompliziert und möchten besonderes Werkzeug haben. Außerdem haben sie gerne Schrauben oder Unterlegscheiben oder sonstwas an versteckten Stellen, an die man mit dem üblichen Schraubenzieher aus dem Haushalts-Werkzeugkasten nicht heran kommt. Und Ihr wollt ja sicherlich nicht am Ende des Tages die überzähligen Schrauben einpacken und kleinlaut den Reparatur-Service aufsuchen.
  2. Sucht Euch auf YouTube ein Schrauber-Video von Eurer Maschine. Wenn Ihr keines findet, lasst es lieber.
  3. Meldet Euch auf den Schrauber-Foren an. Wenn Ihr keine Infos über Eure Maschine findet, bringt sie zum Techniker. Eure Maschine wird es Euch danken.
  4. Verwendet die richtigen Schraubendreher. Kreuzschlitz ist nicht gleich Kreuzschlitz. Im Maschinenbau werden in der Regel Phillips-Schrauben verwendet, Kennzeichnung auf dem Schraubendreher: PH. Es gibt auch Pozidriv-Schrauben, die findet man eher in der Holzverarbeitung. Kennzeichen auf dem Schraubendreher: PZ. Mit denen ruiniert Ihr jede Phillips-Schraube. Meine Lotus wurde mit dem falschen Schraubendreher geöffnet, die Schrauben durfte ich austauschen.
Seht Ihr, wie die Schraube durch das falsche Werkzeug verformt ist?

Ich habe bei den Fotos die Bilder von der Innenansicht größer hochgeladen, ein Klick auf das Bild zeigt Euch alles in groß.

Bei der Lotus öffnet man die Maschine von oben. In den Ecken des Zubehör-Faches sind vier Phillips-Schrauben, die sich einfach herausdrehen lassen. Aufpassen, die Verschluss-Feder für die linke Seitenklappe ist mit der linken vorderen Schraube befestigt. Wenn die Maschine offen ist, kann man erstmal allen Staub, den man findet, mit Druckluft herausblasen.

Achtung, Druckluft aus der Dose ist sehr kalt, man muss eine Pause machen, bevor das Metall zu stark abkühlt und sich Kondensfeuchte bildet. Meine Lotus war vorbildlich sauber.

Dann dreht man behutsam das Handrad und schaut einmal, wo sich überall etwas bewegt. An diese Stellen darf Öl. Wenn das alte Öl bereits etwas gelblich oder bräunlich aussieht, ist es verharzt und man sollte es so gut es geht abwischen. Ich habe dafür Wattestäbchen und Isopropanol verwendet, in den Schrauberforen nehmen sie Petroleum. Dann wird alles so lange mit Öl beträufelt, bis Metallteile mühelos übereinander gleiten. Runtertropfen sollte dabei aber bitte nichts! Das Öl muss unbedingt farblos und für Nähmaschinen geeignet sein. So eine kleine Tube kostet ein paar Euro und die bekommt Ihr in Eurem Fachgeschäft. Bitte nehmt nicht irgend ein Öl aus dem Baumarkt, da spart Ihr an der falschen Stelle. Um an alle Stellen zu kommen, ist eine dicke Kanüle, die man auf die Öltube stecken kann, sehr hilfreich.

Auch die Schalter, an denen man die Stichlänge, Stichbreite und, bei der SP, die Zick-Zack-Programme ausswählt, freuen sich über etwas Öl. Nicht geölt wird der Antriebsriemen, der bestimmt auch einen speziellen Namen hat, und auf gar keinen Fall geölt wird das Gummirad, das sich hinter der rechten Abdeckung befindet, über die ich später berichte. Am Greifer für den Unterfaden ölt man die Stelle, die in der Anleitung beschrieben wird.

Die Schraube in der Mitte und die Nase des Greifers bekommen etwas Öl

Jetzt ist es Zeit, die linke Abdeckung der Maschine zu lösen, um Fadenreste und Flusen unter der Stichplatte und dem Greifer herauszuholen. Mit dieser Abdeckung sind auch die vordere und rückwärtige Klappe befestigt. Achtet auf die winzigen Unterlegscheiben, wenn Ihr sie vorsichtig abzieht. Hier kann man auch ein kleines bisschen Öl auf die Stangen geben, wirklich notwendig ist das aber nur, wenn sie quietschen oder klemmen.

Seht Ihr, wie die Schraube durch das falsche Werkzeug verformt ist?

Die Stichplatte lässt sich mit einem flachen Schraubendreher aufhebeln, das klemmt ein bisschen, das muss so.

Bei versenktem Transport (Drehen am Handrad) lässt sich dann die Abdeckung der Spulenkapsel nach vorne herausschieben.

Wenn Ihr denn Transport abschraubt, könnt Ihr die Spulenkapsel an den beiden kleinen Schrauben lösen. Sie sind so an der Kapsel befestigt, dass man sie nicht ganz herausschrauben kann, bitte keine Gewalt anwenden.

In der Mitte des Greifers ist eine Schraube. Wenn der Greifer schwer zu gehen scheint, dürft Ihr an den Rand etwas Öl geben. Ihr wollt diese Schraube nicht lösen! Nein. Vertraut mir, das wollt Ihr nicht! Ich habe das gemacht, das Handrad gedreht, und auf einmal hatte ich den Greifer in der Hand. Ich habe auch nach stundenlanger Suche kein passendes Video oder eine Anleitung gefunden, wie er wieder richtig positioniert wird und eine gefühlte Ewigkeit herumprobiert, bis der Greifer den Oberfaden wieder richtig mitgenommen hat. Also nochmal: Hände weg von dieser Schraube! Ohnehin kann man an Fäden, die dort festgeklemmt sein könnten, entweder von oben oder von unten mit einer langen Pinzette herankommen. Wenn der Greifer sich nicht dreht, ist vermutlich das Plastikritzel, das ihn antreibt, kaputt. Ich würde dann an dieser Stelle die Maschine einem Techniker übergeben.

Ist hier alles von Staub und Fadenresten befreit, kann die Spulenkapsel wieder eingesetzt werden. Das Plastikteil muss dazu in die richtige Position geschoben werden, das ist nicht weiter kompliziert, denn die Kapsel lässt sich nur in einer Richtung einsetzen. Beide kleinen Schrauben müssen wieder fest angezogen werden, aber natürlich nicht mit Gewalt.

Leider habe ich keine Fotos von der herausgenommenen Spulenkapsel gemacht, Ihr findet das aber im unten verlinkten Video

Von oben ist jetzt alles fertig, jetzt wird der Boden der Maschine gelöst.

Die Schrauben dafür sitzen in den Gummifüßchen, die Ihr vielleicht auch gleich austauschen wollt.

Auch hier wird alles, was aus Metall ist und sich bewegt an den Gelenken geölt. Wenn Ihr den Boden abschraubt und so einen kleinen Plastikkorb findet, dann ist Euer Spuler kaputt und möchte getauscht werden.

Dazu wird die Maschine auf der rechten Seite aufgeschraubt. Vier Phillips-Schrauben und eine fünfte im Handrad müssen herausgeschraubt werden, dann lassen sich die Platte und das Handrad mit behutsamer Kraft abziehen. Bitte mit Gefühl!

Achtung, die Platte nur wegklappen, da hängen Kabel dran. Der Spuler ist die linke Stange, so hing der Korb mal dran. In dieser Stange ist eine Kerbe, darin sitzt ein Federring, den Ihr abziehen müsst. Das geht am besten mit einem feinen Schraubendreher und ist ein bisschen frickelig.

Einen neuen Spuler kann man zum Beispiel hier und eventuell auch hier bestellen. Bei Eilers könnt Ihr Euer Schätzchen auch reparieren lassen, sie bieten auch einen Versand an.

Ich habe auch gleich neue Füße (leider passen die Schrauben nicht mehr) und ein paar Ersatz-Spulen bestellt

Man zieht die alte Stange nach unten ab, schiebt die neue auf, ölt ein bisschen, und presst die Feder wieder in den Schlitz. Je nach Spuler muss dann oben noch ein kleiner Plastiknubsel mit einer Feder und einem Splint befestigt werden, damit die Spule auch wirklich hält. Ich habe diesen Nubsel leider nicht mehr bekommen, aber bei einem guten Heimwerker ist immer etwas brauchbares in der „Gänsefleisch-Kiste“ (Gän Se fleisch mal brochen!) Ich fand einen dünnen Silikonschlauch, von dem ich einen kleinen Abschnitt mit sanfter Gewalt auf die Stange pressen konnte (Erwärmen des Schlauchs mit einem Fön ist da hilfreich). Die Alternative wäre zum Beispiel ein Dübel und etwas Klebeband.

Wenn auch von der Moterseite aus alles geölt ist, kann die Maschine wieder geschlossen werden. Auf der Welle, auf die das Handrad gesteckt wird, sind zwei Zapfen, in die müssen die beiden Kerben des Rades einrasten. Achtet dabei darauf, dass die Nadel in der höchsten Position ist, sonst steht der Fadenheber bei arretieren der Maschine unten und die vordere Klappe schließt nicht richtig. Ein Tropfen Öl auf der Welle erleichtert den Zusammenbau, und man kann auch die Schrauben ganz leicht fetten, zum Beispiel mit einem ölgetränkten Stückchen Küchenpapier.

Wenn nicht schon geschehen, schraubt Ihr jetzt den Boden und gegebenenfalls die neuen Gummifüßchen fest. Dann sind die Klappen dran und zum Schluss wird das Zubehör-Fach eingesetzt. Die Verschluss-Feder für die linke Seitenklappe nicht vergessen. Ein paar Probenähte machen: Eine gesunde Lotus SP gibt ein ruhiges, eher tiefes Brummen von sich.

Eventuell muss die Unterfadenspannung noch eingestellt werden. Normalerweise sollte die kleine rote 1 auf der Stellschraube auf dem roten Punkt stehen. Im Laufe der Zeit kann sich aber die Spannung der Feder am Greifer verändern, und dann muss nachjustiert werden. Wenn die Spule ordnungsgemäß in die Kapsel eingesetzt ist, muss am Unterfaden ein leichter Widerstand zu spüren sein, wenn man daran zieht.

Meine kleine Elna Lotus hat sich auf der Annäherung gut bewährt, nachdem ich sie mit ein bisschen Zubehör aufgemotzt habe. Darüber habe ich hier berichtet.

Der Obertransportfuß, ein echter Gamechanger. Der merkwürdige Bubsel oben im Bild ist ein Spulenheber, um die Unterfadenspule zu wechseln. Ist das nicht genial? Übrigens passt der Halter für die Nähfüße von der kleinen Pfaff an die Lotus, so dass ich alle meine Nähfüße dort auch verwenden kann, nur die Markierungen für die Nadelposition stimmen nicht überein. Ein Versuch mit Eurem Equipment lohnt sich unbedingt.

Jetzt erstmal verlinke ich mich bei Antetannis Jahresbingo unter der Rubrik: Renovieren oder Reparieren. Bei meinem antiken Schätzchen darf man wohl von beidem sprechen.

Dieses fabelhafte Video habe ich als Hilfe für meine Reparatur genutzt.

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