Als der Weihnachtsmann verhaftet wurde: 22. Dezember

Svea erwachte am Morgen als erste. Ganz leise, um den schlafenden Lasse nicht zu wecken, kroch sie aus ihrem Schlafsack. Das Gartenhäuschen war bitterkalt. Selbst für ein Wichtelmädchen vom Nordpol, das ja eigentlich an Kälte gewöhnt war. Ob sie es riskieren konnte, den kleinen Gasofen anzuzünden? Da entdeckte sie den Beutel, den Lasse in der Nacht mitgebracht hatte. Neugierig sah sie hinein.

Svea erwachte am Morgen als erste. Ganz leise, um den schlafenden Lasse nicht zu wecken, kroch sie aus ihrem Schlafsack. Das Gartenhäuschen war bitterkalt. Selbst für ein Wichtelmädchen vom Nordpol, das ja eigentlich an Kälte gewöhnt war. Ob sie es riskieren konnte, den kleinen Gasofen anzuzünden? Da entdeckte sie den Beutel, den Lasse in der Nacht mitgebracht hatte. Neugierig sah sie hinein. Ganz zu oberst lag ein Brief. Lasses und ihr Namen standen darauf, also krabbelte Svea zurück in den Schlafsack und begann zu lesen.
Lena schrieb: „….. und so ist es doch sehr gut, dass Markus’ Papa die Bastelmaterialien auf dem Tisch gesehen hat. Nachdem wir also „aufgeflogen“ waren, habe ich meiner Mutter „gebeichtet“, dass wir nicht alleine im Gartenhaus gebastelt haben. Ich habe ihr erzählt, dass Freunde von uns dabei waren, bei denen zu Hause gerade alles sehr chaotisch ist, weil sie direkt nach Weihnachten umziehen. Mama hat das problemlos geschluckt, ich fühle mich ganz mies dabei. Aber sie hat erlaubt, dass Ihr auch dann im Häuschen basteln dürft, wenn wir nicht dabei sind, weil wir ja morgen (also für Euch heute) mit unseren Eltern unterwegs sind. Ihr könnt also ruhig heizen, und es macht auch nichts, wenn man das Licht durch die Vorhänge sieht……“ Dann kamen ein paar sehr genaue Anweisungen für einen Weihnachtsmarkt, die Svea nicht verstand, aber das würde Lasse ihr sicher erklären können.
Sie stand wieder auf, machte den Ofen an und ging Zähne klappernd ins Bad. Als sie frisch gewaschen und mit sauberen Kleidern wieder herauskam, war es bereits wohlig warm im Zimmer und Lasse gerade aufgewacht. Hungrig frühstückten die beiden das Müsli, während Lasse Svea den Plan von Lena erklärte.
Danach untersuchten sie den Inhalt des Beutels weiter. Lena hatte buntes Papier und dünnen Karton eingepackt, Klebestifte, Bänder und allerhand anderes Material, das Svea für noch mehr Karten verwenden wollte. Außerdem hatte sie eine Zeitschrift dazu gesteckt, in der sie ein paar Bastelanleitungen für Sterne und Kränze aus Zweigen markiert hatte. Die Wichtel grinsten etwas, aber eigentlich war das eine nette Idee. An der Seite hing eine Haft-Notiz: „Beim Gemeinschaftshaus gibt es einen Container für grobe Gartenabfälle wie Zweige und Äste, dort könnt Ihr Material holen, wenn Ihr wollt.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Lasse, „Karten sind ja eher nicht so meins, aber mit Ästen und Zweigen kann ich gut umgehen.“ Damit zog er los und kam eine halbe Stunde später mit Gestrüpp beladen zurück.
Einträchtig arbeiteten sie an ihren Projekten, und es fühlte sich fast so an, wie zu Hause in den Werkstätten. Svea musste einen kleinen Anflug von Heimweh unterdrücken.
Am Nachmittag war es so weit, die beiden gingen zum Gemeinschaftshaus, um ihren Stand beim Weihnachtsmarkt aufzubauen. Svea war sehr aufgeregt. Sie hatten vereinbart, dass nur sie verkaufen sollte. „Ich glaube, eine „Kleinwüchsige“ ist mehr als reichlich für einen solchen Markt“, hatte Lasse gefunden. Das war nämlich die Ausrede, die Svea benutzen würde, wenn man sie auf ihr vermeintlich zu junges Alter ansprechen sollte.
Lasse hatte die Sterne und Kränze, die er aus Ästen, Zweigen mit Beeren und Zapfen und Ranken gebunden hatte, in die Schubkarre geladen. Svea trug ihre Karten im Rucksack.
Im Gemeinschaftshaus angekommen, stellten sie fest, dass Lena sie bereits angekündigt hatte, denn niemand stellte Fragen zu ihrem Alter. Man wies Svea einen kleinen Tisch zu, auf den bereits jemand ein altes Bettlaken gelegt hatte. Gerade als Lasse seine Waren mit der Schubkarre zur Tür herein fahren wollte, gab es dort ein kleines Durcheinander. Eine Frau im Rollstuhl versuchte, einen großen Korb hindurch zu zerren, der gerade dabei war, von ihrem Schoß zu rutschen. Schnell eilten die beiden ihr zur Hilfe. Svea hielt die Tür auf und Lasse nahm der Frau den Korb ab.
Die Frau bedankte sich. „Na, ihr beiden Wichtel, ihr helft wohl Mama und Papa, was? Zu welchem Grundstück gehört ihr denn, euch habe ich ja noch gar nicht hier gesehen?“ Sie zwinkerte freundlich. Svea und Lasse wechselten einen alarmierten Blick. Doch noch ehe sie etwas sagen konnten, kam jemand von den Organisatoren auf die Frau zu gelaufen und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
„So so, kleinwüchsig also. Und ihr seid Freunde von Lena Eiche? Nun, unsere Stände stehen nebeneinander. Kommt mit.“ Geschickt bahnte sie sich einen Weg durch den Raum, so schnell, dass Lasse mit seiner Schubkarre kaum hinterher kam. Lasse verteilte die Sterne und Kränze vor und auf dem Tisch, während Svea ihre Karten auslegte. Dann verabschiedete er sich. „Ich komme zwischendurch mal nachsehen, und wenn es schrecklich sein sollte, löse ich dich ab.“
Jetzt fühlte sich Svea doch ein bisschen verloren. Sie sah sich um, und bemerkte, dass ihre Nachbarin Schwierigkeiten hatte, ihre Stricksocken, die sie verkaufen wollte, auf dem Stand auszulegen. „Kann ich Ihnen helfen?“, bot sie an. „Gerne, Herzchen. Und ich bin „Du“ und „Marie“. Wie heißt du?“
Svea war damit beschäftigt, die Socken mit den bunten Mustern zu bewundern. Neben Blumen, Sternen und Tannenbäumen gab es doch tatsächlich auch Schafe, Katzen, die Buckel machten, Hasen, Flamingos, Lamas, Rentiere und Enten. Und obendrein verschiedene Weihnachtsmänner, Schneemänner und sogar Wichtel. Svea war so hingerissen, dass sie nicht richtig aufpasste und automatisch ihren richtigen Namen nannte: „Svea Jääkukka.“
„Jäh- was?“, fragte ihre neue Freundin.
„Jääkukka“, antwortetet Svea wohl oder übel. „Meine Familie kommt aus Lappland. Es ist finnisch und bedeutet Eisblume.“
„Wieder was gelernt“, meinte Marie und Svea entspannte sich ein wenig. Marie war sehr nett, und bald unterhielten sich die beiden wie alte Freundinnen. Svea erzählte von den Rentierherden und der Nähe zum Nordpol und Marie berichtete über ihren Garten. „Geht das denn überhaupt mit dem Unkraut jäten und so?“ erkundigte sich Svea interessiert. „Kannst du dich auch ohne Rollstuhl bewegen?“
„Du bist ein erstaunliches Mädchen, Svea Jääkukka“, sagte Marie. „Du bist die Erste, die mich so unbefangen danach fragt. Finde ich gut. Mein Mann hat mir ganz tolle Hochbeete gebaut, und die kann ich gut vom Rollstuhl aus bewirtschaften. Und um Deine Frage zu beantworten: Ich kann mit Hilfe meiner Arme auf dem Boden entlang robben, aber das macht nicht so viel Spaß. Und wenn ich mich an etwas hochziehen kann, komme ich auch allein aus dem Rollstuhl heraus und wieder hinein.“
Marie beriet Svea auch zu den Preisen für die Karten und die Sterne und Kränze. Da trat eine Frau an ihren Stand. „Was für entzückende Recycling-Karten du da hast, Kleine. Wieviel sollen die denn kosten?“, rief sie. Svea deutete stumm auf die kleinen Preiskärtchen, die sie gezeichnet hatte. Die Frau musterte erst die Preise, dann Svea. „Aber die hast du doch nicht alleine gemacht, oder? Da hat doch sicher die Mutti geholfen!“
Svea richtete sich ein wenig auf. „Ich bin zwölf Jahre alt, kleinwüchsig und die Karten kosten drei Euro pro Stück.“
Die Frau wurde puterrot im Gesicht. „Ich nehme drei Stück“, krächzte sie. „Du kannst das Wechselgeld behalten“, und sie bezahlte mit einem 10-Euro-Schein. Svea wollte ihr trotzdem herausgeben, aber Marie hielt sie zurück. „Erstens wollte sie dich über das Ohr hauen, und zweitens sollen Leute, die es peinlich finden, mit Behinderten zu tun zu haben, ruhig für ihre Dummheit bezahlen. Hast du bemerkt, wie sehr sie sich angestrengt hat, um ja nicht in meine Richtung zu schauen? Nicht, dass ich Kleinwüchsigkeit als Behinderung bezeichnen würde.“ „Wenn du nicht gerade an ein hohes Regal heranreichen möchtest“, ergänzte Svea grinsend. Marie lachte. „Warum sollte es dir denn besser gehen, als mir?!“
Die beiden verkauften gut und als Lasse vorbeikam, konnte sie ihm ausreichend Geld für einen reichlichen Einkauf mitgeben.
Marie betrachtete die beiden kritisch. „Ich hoffe, ich trete Euch nicht zu nahe, aber ihr seht nicht wirklich wie Kleinwüchsige aus. Eure Proportionen sind so – entschuldigt das Wort – so normal. Wie maßstabsgetreu verkleinerte Teenager. Sicher, dass ihr keine Wichtel seid? Schließlich seid ihr aus Lappland. Zeig doch mal deine Ohren, Herzchen!“
Svea erschrak. Marie missdeutete ihren angespannten Gesichtsausdruck und entschuldigte sich. „Solche dummen Sprüche hörst du wohl ständig, was?“ Svea brachte ein halbwegs lockeres Lächeln zu Stande. Dann bat sie Marie, kurz auf ihren Stand aufzupassen und holte für sie beide einen Apfelpunsch und eine Waffel. Sie hatte das dringende Bedürfnis nach einer kleinen Pause und etwas Nervennahrung. Als sie an den Stand zurückkam, war Lena mit ihrer Mutter gekommen. Lena bewunderte begeistert die Karten, die Svea angeblich noch gefertigt hatte, nachdem sie und Markus gegangen waren. Dann blieb sie verzückt vor den Socken stehen, und Svea beschloss, am Ende des Marktes für Lena die mit den Schäfchen und für Markus die mit den Rentieren zu kaufen. Lenas Mutter suchte sich einen Stern aus und bestand darauf, ihn zu bezahlen, obwohl Svea fand, dass sie ihn als Dankesgeschenk dafür, dass sie die Gartenhütte benutzen durften, annehmen sollte. Sie einigten sich auf zwei besonders schöne Karten als Zugabe, dann gingen die Beiden. Lena verabredete sich noch schnell für den folgenden Nachmittag.
Am Abend hatte Svea mehr als zwanzig Karten und die meisten der Sterne und Kränze verkauft, es reichte also nicht nur für die Socken, sie würden den Kindern auch ihr Taschengeld zurückgeben können. Mit Marie tauschte sie Kränze, Sterne und Karten gegen ein Paar Flamingo-Socken für sich und Katzensocken für Lasse. Für sie wären die Socken eine schöne Erinnerung und für die Kinder ein schönes Abschiedsgeschenk, wenn es ihnen denn endlich gelänge, den Weihnachtsmann zu befreien.

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