Als der Weihnachtsmann verhaftet wurde: 19.Dezember

Svea saß im Gartenhaus und langweilte sich. Zu Hause am Nordpol würde sie jetzt für vier Stunden in die Schule gehen und dann in den Wichtelwerkstätten arbeiten. Wichtelkinder gehen neun Jahre in die Schule, aber in ihren letzten drei Schuljahren dürfen sie für einige Monate in jeder der Werkstätten helfen, um die Arbeit dort kennenzulernen. Erst wenn sie alles gesehen haben, entscheiden sie, was sie werden wollen.

Und wenn sie das dann immer noch nicht wissen, hüten sie für ein paar Jahre die Rentiere in Lappland.
Übrigens hören die Wichtel nach der Schule nicht mit dem Lernen auf. Man legt am Nordpol sehr viel Wert auf Bildung. Besonders für Sprachen haben Wichtel ein Talent, und deshalb gibt es kaum einen Wichtel, der nicht mindestens sechs Sprachen spricht, viele auch mehr. Die meisten von ihnen lesen gerne Bücher und treffen sich dann in kleinen Gruppen, um darüber zu diskutieren. So verbringen sie ihre Abende, wenn sie nicht Spiele spielen oder im Schnee irgendwelchen Wintersport treiben. Denn Fernsehen und Internet gibt es am Nordpol natürlich nicht.
Svea hatte gerade in der Kartenmacherei angefangen. Dort wurden Geschenkanhänger und Grußkarten angefertigt, und ihr machte die Arbeit viel Spaß. Vielleicht konnte sie ja hier irgendetwas finden, womit sie ein paar Karten machen konnte. Oder wenigstens etwas zum Schreiben. Sie lernte seit dem Sommer Mandarin, und sie konnte ja versuchen, die Schriftzeichen zu üben. In ihrem Rucksack hatte sie das kleine Chinesisch-Wörterbuch gefunden, das sie in der Schule benutzte. Sie musste es darin vergessen haben, als sie ihre Schulsachen herausnahm und die Sachen für die Reise einpackte.
Geschickt bewegte sie sich auf den Krücken durch das Gartenhaus. In einer Schublade fand sie einen Zeichenblock und Buntstifte, in einer weiteren eine Schere und einen Klebestift und in einem Wandschrank eine Rolle Packpapier. Im hinteren Teil des Häuschens gab es ein winziges Bad und daneben eine etwas größere Kammer mit einem Rasenmäher und Gartengeräten. Dort entdeckte sie auch einen Eimer mit einem Rest weißer Farbe, einen dünnen, teilweise mit eingetrockneter Farbe verklebten Pinsel und eine Box, in der wohl Altpapier gesammelt wurde. Mit einiger Mühe und mehrmaligem hin- und herlaufen gelang es ihr, die Box und die Farbe in das Zimmer zu zerren. Dort begutachtete sie ihre Beute.
Zeitungen, eine große Anzahl leerer Müslikartons, verschiedene bunte Seidenpapiere mit Aufdrucken von Gärtnereien und ein großes Stück schwarzes Papier. Damit ließ sich doch etwas anfangen.
Sie begann zu schneiden, malen und kleben. Mit dem Pinsel spritzte sie weiße Farbe auf vergilbte Zeitungen, so dass es aussah wie Schneegestöber, dann begann sie, chinesische Schriftzeichen auf das schwarze Papier zu pinseln. Na ja, für einen Nicht-Chinesen mochten die Glück- und Segenswünsche ja reichen.
Svea war vollkommen vertieft in ihre Arbeit und bald war der Tisch mit Karten bedeckt. Tannen aus buntem Papier auf Zeitungen voller Schneegestöber, zarte Eiskristalle aus weißem Papier, Zeichnungen von Rentieren und und und. Ständig fielen ihr neue Motive ein. Zu jeder Karte gab es einen Umschlag aus Packpapier, auf dem ein kleiner Ausschnitt der Karte zu sehen war.
Es wurde Nachmittag und langsam wurde Svea hungrig. War es nicht auch Zeit, dass die Kinder auftauchten? Wenn die mal bloß keine Probleme zu Hause bekommen hatten!
Lasse und Eisbart waren am Vormittag kurz bei ihr gewesen, um von dem Toiletten-Fiasko zu berichten, dann waren sie zur Scheune gegangen, um den Schlitten fertig zu reparieren. Sie waren frustriert und ein wenig mutlos gewesen. Vielleicht hatten sie ja bei der Arbeit eine rettende Idee zur Befreiung des Weihnachtsmannes gehabt.
Svea überlegte gerade, dass es an der Zeit wäre, die Vorhänge zu schließen. Sie hatte darüber nachgedacht, wie sie wohl die Bettdecken über die Vorhangstangen legen könnte, damit kein Licht nach außen drang. Dann konnten sie auch am Abend das Licht brennen lassen. Sie wollte nur noch schnell in das Bad gehen. Sie war bereits an der Badezimmertür, da hörte sie Schritte vor dem Gartenhaus. Jemand rüttelte an der Türklinke und eine Männerstimme rief: „Hallo, ist da wer? Hier ist die Polizei.“

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