
„Hallo, ist jemand zu Hause?“ Lena stampfte den Schnee von ihren Stiefeln und betrat das Gartenhaus. Markus folgte gleich hinter ihr. Das Häuschen war leer. Nichts deutete darauf hin, dass hier gestern ein Bein eingegipst worden war, dass jemand Suppe gegessen oder Milch getrunken hatte.
„Svea, Lasse?“, fragte Lena. Sie wandte sich Markus zu: „Sie sind weg!“
„Nicht ganz.“ Svea erhob sich mühsam hinter dem Sofa, wo sie sich versteckt hatte. „Ich war nicht sicher, dass ihr es seid, als ich eure Stimmen gehört habe. Daher habe ich mich lieber versteckt.“
„Aber hier ist es so aufgeräumt“, sagte Lena. „Man könnte denken, hier ist seit Monaten keiner gewesen.“
„Genau das ist ja auch der Plan. Jemand, der sich über Fußspuren an der Hütte wundert, soll nicht mitbekommen, dass wir hier sind.“
„Um Fußspuren braucht ihr euch im Moment keine Sorgen zu machen, so wie das schneit“, sagte Markus. „Wo ist denn Lasse?“
„Der hat Eisbart gesucht und gefunden, um mit ihm zu überlegen, wie wir den Weihnachtsmann befreien können“, sagte Lasse, der in diesem Moment zur Tür hineinkam. „Habt ihr schon eine Idee?“
„Ja, ich habe mir etwas überlegt“, sagte Markus. „Der Weihnachtsmann ist in der Klinik in der geschlossenen Station. Das heißt, keiner kann so ohne weiteres hinein oder hinaus. Wenn wir also nicht hinein können, um ihn zu holen, dann müssen wir dafür sorgen, dass alle heraus kommen. Und dann können wir ihn draußen einfach mitnehmen.“
„Ach ja? Und wie willst du das bitte hinbekommen?“, fragte Lena skeptisch.
„Erinnerst du dich an die Stinkbomben, die ich im letzten Sommer gemacht habe? Ich könnte…“
„AUF GAR KEINEN FALL!“, wurde Markus von Lena unterbrochen. „Darf ich dich daran erinnern, dass dieses Experiment gründlich schief gegangen ist? Dein Zimmer hat wochenlang ganz erbärmlich gestunken und dein Vater hat dich einen Monat im Garten im Zelt schlafen lassen, davon zwei Wochen bei strömendem Regen.“ Sie schnüffelte. „Ich glaube, deine Jacke stinkt immer noch!“
„Gar nicht wahr. Die ist frisch gewaschen!“
„Dann solltest du dich vielleicht mal öfter duschen!“
„Hey Leute“, ließ sich nun Svea vernehmen. „Keinen Streit, ja? Das hilft uns nicht weiter.“
„Was ist das für eine Sache mit der Stinkbombe?“, fragte nun Lasse interessiert.
„Gar keine“, sagte Lena. „Markus’ Vater hat ihm die Chemikalien dafür weggenommen. Und selbst wenn wir die Zutaten dafür in einer Apotheke kaufen könnten, was nicht geht, weil wir minderjährig sind, wo sollte Markus die Dinger denn herstellen? Ganz sicher nicht hier!“
„Hast Du eine bessere Idee?“
„Nein“, sagte Lena unglücklich. „Ich habe mir die halbe Nacht und den ganzen Vormittag den Kopf zermartert, aber mir ist nichts eingefallen. In der Schule hat mich schon die Lehrerin ermahnt, weil ich nicht aufgepasst habe.
Mein Kopf ist ganz verstopft. Wenn Mama ein Problem hat, mit dem sie nicht weiter kommt, dann macht sie immer einen Abfluss sauber. Sie sagt, wenn sie irgendwo eine Verstopfung löst, dann löst sich auch oft die Verstopfung im Kopf. Vielleicht probiere ich das ja auch mal aus.“
„Das ist es! Lena, du bist genial!“, rief Lasse.
„Wie jetzt?“ Lena war verwirrt.
„Ich gehe heute Nacht zu dieser Klinik. Ihr beschreibt mir den Weg. Ich gehe zum Fenster vom Weihnachtsmann und sage ihm, dass er die Toilette verstopfen soll. Und dann verkleidet sich Eisbart als Monteur, repariert die Toilette und holt den Weihnachtsmann heraus.“
„Und wie genau soll das gehen?“
„Eisbart fällt schon etwas ein. Er ist ein erfahrener und ganz ausgefuchster alter Wichtel. Er hat schon gegen Kobolde gekämpft.“
„Na ja, gut, dann gehen wir mal zur Klinik und sehen uns dort ein wenig um.“
Als die Vier an der Klinik angekommen waren, musterten sie das Gebäude sorgfältig.
„Seht ihr dort oben, auf der linken Seite, im zweiten Stock die Gitterfenster? Da ist die geschlossene Station“, sagte Lena.
„Gut, dann weiß ich Bescheid“, sagte Lasse. „Heute Nacht startet die Befreiung des Weihnachtsmannes.“
„Wir sollten jetzt nach Hause gehen“, sagte Markus. „Es ist schon spät.“
„Oh nein!“, rief Lena. „Es ist ja schon fast fünf Uhr! Ich muss in fünf Minuten bei der Ballettschule sein zur Probe für die Weihnachtsaufführung! Das schaffe ich nie. Das gibt Ärger.“
Und den gab es wirklich. Aber alles sollte noch viel schlimmer kommen, als Lena gedacht hatte. Als sie nach der Ballett-Probe nach Hause kam, wurde sie von einer sehr wütenden Mutter empfangen.
„Wo bist du gewesen? Und sag jetzt nicht: „bei Markus“, denn ich weiß, dass das nicht stimmt. Als deine Ballettlehrerin angerufen hat, um zu fragen, wo du denn bleibst, habe ich bei Steinbergs angerufen. Ich dachte, dass ihr beim Basteln vielleicht die Zeit vergessen hättet. Aber Kathrin Steinberg war ganz überrascht. Anscheinend hat Markus ihr erzählt, er wäre bei dir. Also, wo habt ihr euch herumgetrieben?“
Lena sah zu Boden. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Wenn sie von der Laube erzählte, würden ihre Eltern dort möglicherweise nachsehen und dann würden die Wichtel entdeckt und alles wäre verloren.
„Gut, wenn du nicht antworten möchtest, dann kann ich dir nicht mehr vertrauen. Du hast bis auf Weiteres Hausarrest. Morgen kommst du direkt von der Schule nach Hause, verstanden? Und jetzt geh in dein Zimmer, ich will dich heute Abend nicht mehr sehen!“
Markus erging es nicht besser. Auch er bekam Hausarrest. Immerhin hatten die beiden noch ihre Handys und konnten miteinander telefonieren.
„Ich hoffe, heute Nacht geht wenigstens alles gut“, sagte Lena.
„Ja“, sagte Markus. „Ich wünschte, wir könnten die beiden Wichtel irgendwie erreichen, um ihnen zu sagen, dass wir eingesperrt sind. Wenn wir morgen nicht auftauchen, denken sie sicher, dass wir sie im Stich gelassen haben.“