Archiv der Kategorie: Adventkalender 2013

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 24.Dezember

24-12-13Auf einmal war der Hangar voller Menschen. Alle Pavillons waren aufgestellt und mit Tannengrün und Lichterketten geschmückt. Weihnachtslieder klangen aus den Lautsprechern und es roch nach Glühwein und Bratwurst und Waffeln. Der Weihnachtsmann schlenderte mit den Kindern über den Markt. Sie blieben dicht zusammen, um bei dem Gedränge nicht getrennt zu werden. In den Ständen lagen die Spielzeuge und Handarbeiten und all die anderen Sachen, über deren Entstehung sie vergangenen Tagen erfahren hatten. Und es gab noch so vieles mehr. Jedem einzelnen Stück sah man die Sorgfalt und die Liebe an, mit der es gefertigt worden war.

Thomas  sah seinen Großvater im Gespräch mit dem Mann, der die Eisenbahnen gebaut hatte. Der Mann sah ganz glücklich aus. Jetzt lachte er sogar. Thomas wurde plötzlich ganz still.

Auch Klara ging es nicht anders. Sie sah, wie ihre Patentante die Puppenkleidung  auswählte. Die Auswahl war riesig und sie konnte sich kaum entscheiden. Frau Schneider stand im Pavillon. Auch sie sah vergnügt aus. Sie lachte mit den anderen Frauen. Klara begriff, dass dort Freundschaften entstanden waren. Das hier war viel mehr als ein Verkauf zu Gunsten eines Krankenhauses. Menschen hatten zueinander gefunden, waren weniger einsam. Und das hatte sie ihrer Tante vor die Füße geworfen. Sie schämte sich.

„Ich möchte bitte wieder zurück“, flüsterte sie und Thomas nickte. Der Weihnachtsmann sah auf die beiden Kinder. Ihm gefiel, was er sah.

„Ich nehme nicht an, dass du uns am Heiligabend absetzen kannst?“, fragte Thomas leise.

„Ihr habt euch schlecht benommen und müsst die Folgen tragen. „Es tut mir leid, ich habe dich verletzt, ich schäme mich dafür“, das sind Worte, die schwer zu sagen sind. Aber eure Tante und Großeltern haben ein Recht darauf und ich bin sicher, dass ihr das schaffen werdet. Fröhliche Weihnachten!“

  Klara und Thomas wachten in ihren Betten auf.

Thomas stand leise auf und ging zum Telefon. Sein Großvater war ein Frühaufsteher. Der Anruf würde ihn nicht wecken.

Auch Klara schlüpfte aus dem Bett. Ihre Tante schlief im Gästezimmer. Leise schlich sie hinein und krabbelte zu ihr unter die Decke.

„Du, ich muss dir etwas sagen. Es tut mir so leid…“

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 23. Dezember

23-24-1325.-27. November

Der Weihnachtsmann stand mit den Kindern in einer großen Halle. Überall liefen Leute herum. Im hinteren Bereich der Halle wurde eine Bühne aufgebaut und davor stellten lauter kleine Gruppen Gartenpavillons auf. Ein paar davon waren schon fertig. Neugierig traten die Kinder näher an einen Pavillon heran. Die Männer, die ihn aufgestellt hatten, banden nun große Fichtenzweige an den Beinen fest.

„Jetzt noch ein paar Holzsterne an die Zweige hängen und von den roten Schleifen was, und fertig ist der Lack. Von wegen Männer können so etwas nicht!“ Der Sprecher trat zurück und die Kinder erkannten einen der Männer vom Kegelclub.

„Hat deine Frau das gesagt? Dann soll sie mal unseren Stand sehen.“ Der zweite Sprecher hängte eine Lichterkette in den Pavillon.

Ein dritter Mann baute einige tiefe Regale hinten im Pavillon auf. „Ich hätte dann gerne ein paar kleine Zweige, um sie an das Regal zu tackern.“

„Übertreib es mal nicht!“, sagte der erste Mann.

„Du bist hier nicht der Deko-Meister. Wenn wir die Frauen überzeugen wollen, müssen wir klotzen, nicht kleckern!“

„Ich habe den Frauen nicht gesagt, sie sollten sich um ihren eigenen Kram kümmern.“

„Hättest du aber, wenn sie dir solche Vorschriften gemacht hätten wie meine.  Aber bitte, hier hast du dein Grünzeug.“

Der erste Mann begann, Stühle aufzustellen und Schaukeln an den Dachstangen des Pavillons zu befestigen. Der dritte Mann hatte seine Tackerarbeit beendet und ließ sein Werk begutachen. Dann stellte er Stühle auf das Real, Schaukelpferde in die beiden oberen Fächer und füllte die unteren Fächer mit zusammengelegten Schaukeln.

Da trat ein Mann an den Stand. Er zog eine Sackkarre hinter sich her, auf der zwei Kunststoffboxen standen.

„Entschuldigung“, murmelte er leise. „Sie verkaufen doch Sachen aus Holz. Wollen sie diese hier bitte mitverkaufen?“ Damit öffnete eine der Boxen und holte eine kleine Eisenbahn und einige Schienen hervor.

„Das ist ja meine Eisenbahn!“, flüsterte Thomas aufgeregt. „Jetzt bin ich aber gespannt, was es mit der auf sich hat.“

Die anderen Kegler traten hinzu. „Meine Frau ist vor fünf Monaten verstorben. Sie hatte mir diese Oberfräse geschenkt. Sie sagte: Du mit deinen dummen Maschinen, hast du nicht langsam genug davon? Aber sie hat sie mir geschenkt. Da musste ich sie doch benutzen. Für diese Schienen hier, sehen sie?“

„Was ist eine Oberfräse?“, fragte Thomas.

„Damit kann man gleichmäßige Ritzen in Holz schneiden, so wie die Rillen in den Schienen. Außerdem kann man Kanten abrunden oder mit einem Profil versehen, wie bei einem Bilderrahmen“, erklärte der Weihnachtsmann.

Einer der Kegler hatte inzwischen einen Klapptisch aufgestellt. Nun bauten die Männer die kleine Eisenbahn auf. Sie verlegten die Schienen, stellten die Bäume und die Häuser auf und setzten zuletzt die kleine, bunte Bahn auf die Gleise. Dann traten sie zurück und bewunderten das Ganze.

„In den Kartons sind noch mehr davon“, sagte der Mann, der die Bahn gebracht hatte.

„Sind sie alle gleich?“

„Nein, die Farben und die Form der Bäume, Häuser und Züge ist immer ein bisschen unterschiedlich. Aber es sind immer gleich viel Stücke in jedem Karton. Werden sie sie mit verkaufen?“

„Eigentlich müssten sie das selber machen. Die Züge sind so bildschön, die Leute wollen sich sicher mit dem Künstler unterhalten, der so etwas gemacht hat.“ Die anderern nickten,

„Ich glaube nicht, dass ich das kann, Seit meine Frau tot ist, war ich nicht mehr oft unter Menschen“, antwortete der Mann.

„Wir werden die Eisenbahnen auf jeden Fall verkaufen“, sagte einer der Kegler. Und ein anderer fügte hinzu: “Wir würden uns sehr freuen, wenn sie sich einfach zu uns setzen würden am Wochenende. Sie müssen ja nicht mit den Kunden reden, aber leisten sie uns doch Gesellschaft.“

Auf der Bühne wurden gerade Lautsprecher aufgebaut. Es knackte, und dann dröhnte ein Weihnachtlied durch den Hangar. Eine Frau rief: „Das sind ja wir!“

„Nein, das ist Radio“, antwortete ein Mann.

„Das sind trotzdem wir“, sagte die Frau.

„Das war der Chor aus Winkelhausen bei Hannover und sie hören das Stadtradio. Und wenn sie an diesem ersten Adventswochenende nicht vorhaben, dann fahren sie doch dort hin. Denn die Winkelhausener haben einen großen Weihnachts-markt organisiert, alles zu Gunsten kranker Kinder in einem Krankenhaus bei Tschernobyl. Sie haben die Gelegenheit, wunderschöne, handgearbeitete Weihnachtsgeschenke zu kaufen, und für einen guten Zweck ist es obendrein. Ich finde, da macht das Geldausgeben doppelt Spaß! Und jetzt wieder Musik.“

Die Leute im Hangar applaudierten.

„Das ist ja eine fabelhafte Werbung“. Connie stand mit ein paar Internatsschülern zusammen und baute einen der Stände für ihre Schule auf.

„Hoffentlich hören das ganz viele Leute.“

„Och, ich habe bei Facebook über den Weihnachtsmarkt berichtet und hatte ein paar Tausend positive Berwertungen. Da kommen sicher auch einige“, sagte Max, der an dem Stand herumlungerte.

„Ich wünsche mir so sehr, dass wir Erfolg haben“, sagte Conni.

Max antwortete: „Tun wir das nicht alle?“

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 22. Dezember

22-12-1318. November

Der Weihnachtsmann und die Kinder befanden sich in einem Büro. Eine Frau saß am Scheibtisch und telefonierte.

„Wo sind wir dieses Mal?“, fragte Klara.

Das ist das Sekretatiat des Bürgermeisters“, antwortete der Weihnachtamann. „Es ist Freitag, der 18. November.“

„Was hat denn die Sekretärin des Bürgermeisters mit dem Weihnachtsmarkt zu tun?“, wollte jetzt Thomas wissen.

Die Frau legte das Telefon auf und seufzte. Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in ihre Hände. Gerade da  öffntete sich eine Tür und der Bürgemeister trat heraus. Er wirkte gut gelaunt.

„Na, Frau Walter, wie sieht es aus?“

„Ganz schlecht, Herr Bürgermeister. Wir bekommen keine Marktstände.“

„Was soll das heißen, „wir bekommen keine Marktstände“ ?“

„Genau das. Wir bekommen keine Marktstände. Alle Marktbuden, die man mieten kann, sind restlos ausgebucht. Ich habe fast einhundert Vermieter angerufen. Die netten sagten, dass man so etwas mindestens ein halbes Jahr vorher buchen muss. Die weniger netten haben mich glatt ausgelacht. Was machen wir denn jetzt?“

„Das ist eine Katastrophe. Ich habe über fünfzig Anmeldungen für Stände. Wir können den Markt doch jetzt nicht absagen.“ Der Bürgermeister sank in einen Stuhl. Er sah erschüttert aus. Dann straffte er sich. „Frau Wagner, rufen sie den Gemeinderat zu einer außerordentlichen Versammlung zusammen. Wir treffen uns heute Abend noch. Sagen sie allen, was los ist. Jeder soll sich etwas überlegen.“

Die Kinder sahen sich beklommen an. Sollte der Weihnachtsmarkt, der mit so viel Liebe und Mühe vorbereitet worden war, am Ende doch nicht klappen?

„Kopf hoch“, sagte der Weihnachtsmann, „Ihr wärt doch nicht hier, wenn der Markt geplatzt wäre“. Thomas lachte etwas. Er hatte bei den Vorbereitungen so mitgefiebert, dass er fast vergessen hatte, wie er und Klara hier überhaupt hingekommen waren. Und Klara ging es anscheinend genau so.

 Im nächsten Moment fanden sich Klara und Thomas im Gemeindesaal wieder. Fast alle Plätze an dem großen Tisch waren besetzt. Die Leute unterhielten sich leise. Die Stimmung war gedrückt.

Der Bürgermeister räusperte sich. „Nehmen wir doch Platz. Wir sollten nicht mehr auf Herrn Martin warten, sondern anfangen.“

In dem Augenblick ging die Tür auf und ein Mann kam gut gelaunt herein.

„Entschuldigen sie bitte die Verspätung, aber ich musste noch einen Haufen Leute anrufen. Ich habe eine Lösung für unser Problem mitgebracht.“

Sofort fingen alle an, durcheinander zu sprechen. Hoffnung machte sich auf den vorher so niedergeschlagenen Gesichtern breit.

„Kann ich?“ Der Mann grinste. „Ich habe mir gedacht, wenn wir keine einzelnen Buden für die Marktstände kriegen können, wäre eine ganz große Bude für den gesammten Markt eine Lösung. Und da fielen mir unsere Hangars auf dem Flugplatz ein.“

„Wie soll das gehen? Da stehen doch die Segelflugzeuge drin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Besitzer die Flugzeuge für ein Wochenende nach draußen stellen wollen“, gab ein Mann zu bedenken.

„Das ist wohl war. Aber wir haben ja zwei Hangars und Segelflugzeuge kann man sozusagen zusammenklappen.“

„Was kann man?“, fragte eine Frau.

„Man kann die Tragflächen abnehmen, um sie zu transportieren. Wir werden bei allen Flugzeugen die Tragflächen abnehmen und dann räumen wir die  Maschinen aus dem einen Hangar in den zweiten und TATA! haben wir eine leere Halle, die man nur noch sauber machen muss. Das machen wir dieses Wochenende. Für die Reinigung brauchen wir dann noch helfende Hände. Und dann können alle irgendwelche Tische aufstellen.“

„Der Fußballverein kommt am Sonntag zum putzen“, sagte ein Mann.

Die Frau meldete sich zu Wort. „Wir könnten Gartenpavillions aufstellen. Davon haben so viele im Ort einen im Sommer im Garten stehen, wenn man sich abspricht, sollte das für alle reichen. Dann sieht das ganze einheitlich aus und man kann die schön weihnachtlich schmücken.“

Ein Mann meldete sich. „Die Fichten, die dieses Jahr geschlagen werden, sind schon gekennzeichnet. Ich fahre mit meinen Leuten raus und hole Äste davon zum Schmücken.“

„Der Weihnachtmarkt ist gerettet“,rief Klara.

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 21. Dezember

21-12-1317. November

Die Kinder standen wieder im Computerraum des Gymnasiums. Ernst und sehr konzentriert saßen die Jungen und das Mädchen der Computer-AG hinter den Bildschirmen. Sie testeten das fertiggestellte Computerspiel. Entzückt beobachteten Klara und Thomas, wie auf den Bildschirmen kleine, bunte Wichtel Pakete aus dem Schnee zogen, hinter Bäumen hervorholten und unter Büschen aufsammelten. Je mehr Pakete ein Wichtel trug, desto langsamer wurde er. Wenn er zu viele Pakete trug, fielen sie ihm aus den Händen, und er musste noch einmal beginnen. Anscheinend gab es auch Unterschiede bei den Wichteln. Einige konnten mehr tragen, waren aber dafür langsamer, andere waren schneller, schafften dafür aber nur ein bis zwei Pakete. Die Wichtel mussten die Pakete zum Weihnachtsmann-Schlitten bringen, bevor dieser aus dem Bild gefahren war. Das Ganze war nicht einfach, schien aber Spaß zu machen.

An der Wand stand Herr Wolf mit einem jungen Mann, der aussah wie eine jüngere Ausgabe von ihm.

„Danke, Frank, dass du uns so viel geholfen hast. Ohne dich hätten wir das sicher nicht geschafft.“

„Da bin ich gar nicht so sicher. Ich musste deinen Kids nur immer einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben, den Rest konnten sie allein. Echt erstaunlich, was die so drauf haben. Du bist ein guter Lehrer, Paps.“

„Du auch. Ich bin so stolz auf dich!“

Frank wurde ein bisschen rot. Dann wandte er sich an die Schüler: „Wie sieht es aus, Leute. Funktioniert alles? Level 1?“

„Alles Roger. Macht echt Spaß“, antwortete ein Junge.

„Level 2 geht auch!“, rief das Mädchen.

„Und Level 3?“

„Ich habe hier einen Hänger“, sagte Max. „Irgendetwas stimmt mit dieser Befehlszeile nicht. Können Sie mal schauen?“

Frank ging zu Max und gemeinsam probierten sie einige Befehle aus.

„So, jetzt spiel es nochmal“, sagte Frank. Er ging zu seinem Vater zurück. „Sag mal, was soll eigentlich noch alles auf die CD drauf?“

„Außer dem Spiel? Nun, es gibt eine Audio-Datei mit Liedern vom Chor. Der Literaturkurs hat Weihnachtsgschichten für alle Altersstufen geschrieben, von Geschichten für Kleinkinder bis zu einem blutrünstigen Krimi. Der Kindergarten hat Geschenkpapier entworfen und unsere Kunstlehrerin vier Sorten Briefpapier. Dann gibt es ein paar Bastelanleitungen; Schnittmuster für Puppenkleider, die man in verschiedenen Größen ausdrucken kann; Keksrezepte von der Frauengruppe und Gedichte vom Literaturzirkel. Ach ja, und noch eine Bauanleitung für einen Krippenstall. Das war’s.“

„Das reicht ja auch. Ich mache alles fertig und morgen kann die CD in die Produktion. Max, ist bei dir soweit alles klar?“

„Ja, alles klappt.“

„OK. Dann bitte alles mal herhören! Meine Firma stellt uns netterweise die Maschine zum Vervielfältigen der CD zur Verfügung und sponsert 1000 Rohlinge. Das ist ein tolles Projekt, und ihr könnt stolz auf euch sein.“

„Danke, dass Sie uns geholfen haben“, sagte Max. „. Das war total cool.“

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 20. Dezember

20-12-13Als sie aufwachten, stürmte es immer noch, aber der Sturm schien weniger stark zu sein. Vielleicht hatten sie sich aber auch nur an das Geräusch gewöhnt.  Was für ein Heiligabend! Sonst hatten sie es kaum im Bett ausgehalten. Aber heute, ohne Mama und Papa? Einigermaßen lustlos gingen sie in die Küche, wo ihr Nachbar Kakao auf dem Campingkocher zubereitete.

„Na, ihr Schlafmützen, gerade wollte ich euch wecken. Wir haben einen Haufen Arbeit vor uns.“

„Und was?“ Tom konnte sich nicht helfen, er musste einfach unfreundlich sein.

„Erst einmal heizen. Der Sturm hat nachgelassen, also dürfte der Kamin jetzt richtig ziehen. Dann müssen wir eure Gefriertruhe und den Kühlschrank ausleeren und den Inhalt im Schnee beziehungsweise im Eingang lagern, damit nicht alles in der Wärme verdirbt, solange wir keinen Strom haben. Das Gleiche müssen wir dann auch bei mir tun.“

Nach dem Frühstück gingen sie gleich an die Arbeit. Sie packten eingefrorene Lebensmittel in große Plastikboxen und trugen sie vor das Haus. Der Inhalt des Kühlschranks wanderte in den Windfang vor der Haustür. Während des Essens hatte der Sturm aufgehört, und als Tom die letzte Kiste heraus trug, merkte er auf einmal, dass es auch aufgehört hatte, zu schneien. Der Himmel riss auf, und die Sonne kam heraus. Die ganze Welt begann zu glitzern. Aber wie sah alles aus? Der Schnee lag einen halben Meter hoch und in den Schneeverwehungen sogar noch viel höher. Man konnte die Straße nicht erkennen. Unförmige Haufen zeigten an, wo parkende Autos standen. Bei manchen Häusern waren die Haustüren völlig zugeweht.

Herr Schwesig nahm die Schneeschaufel, und räumte einen Pfad zu seinem Haus. Die Kinder tobten im Schnee herum. Als sie nebenan die Vorräte in die Kälte umgeräumt hatten, war es fast Zeit für das Mittagessen.

„Geht schon mal ins Haus, ich komme gleich nach.“

Als Herr Schwesig nach einer ganzen Weile kam, hatte er eine kleine Tanne unter dem Arm.

„War gar nicht so leicht, die unter all dem Schnee zu finden“, sagte er. „Ich dachte mir, an Weihnachten sollten wir wenigstens einen Baum haben. Schmückt ihr den nachher?“

Sie saßen gerade beim Essen, es gab Pfannkuchen mit Apfelmus, als es an der Tür klopfte.

Draußen stand auf ein Paar Langlaufskiern der Bürgermeister.

„Ich gehe gerade durch das Dorf, um zu sehen, ob alle gut untergebracht sind. Haben Sie es warm und genug zu Essen?“

Er verteilte die Leute im Dorf, die ohne Wärme und Strom waren in die Häuser mit Kaminen oder Notstromaggregaten. Außerdem suchte er Helfer, um die einen Kilometer lange Stichstraße, die das Dorf mit der Bundesstraße verband, zu räumen. Im Radio habe es geheißen, dass Bundeswehr und technisches Hilfswerk unterwegs seien, um die Hauptstraßen zu räumen, kleinere Nebenstraßen werde man wohl erst in einigen Tagen erreichen.

„Der ganze Landkreis ist eingeschneit. Wann es wieder Strom gibt, weiß keiner.“

Herr Schwesig sagte seine Hilfe zu. Die Kinder wollten unbedingt mitkommen, aber er erlaubte es nicht.

„Eure Schneeanzüge sind immer noch ganz nass. Außerdem möchte ich einen geschmückten Weihnachtsbaum haben, wenn ich zurückkomme!“

Also konnten sie wieder nur warten. Aber dieses Mal war es ein gutes Warten. Sie hatten keine Angst mehr sondern fühlten sich sicher. Draußen waren Menschen auf der Straße, die ihnen helfen würden, Menschen, die sich um einander kümmerten.

Sie schmückten den Tannenbaum und dann kam Lena auf die Idee, Herrn Schwesig eine Bildergeschichte über die letzten Tage zu malen, als Weihnachtsgeschenk.

Sie waren gerade fertig geworden und hatten das Geschenk verpackt und unter den Baum gelegt, als es klopfte.

„Nun seht mal, was ich euch mitgebracht habe!“, forderte Herr Schwesig sie auf.

„Papa! Unser Papa!“

„Die Bahn hat einen Schneepflug  ab Berlin eingesetzt und ich habe die Leute solange bequatscht, bis sie mich mitgenommen haben. Mama hatte mich angerufen, bevor der Strom ausfiel. Ich habe gesagt, meine armen Kinder wären ohne Eltern am Heiligabend  zu Hause. Damit haben sie sich erweichen lassen.  Ich war fest entschlossen, mich durch den Schnee zu euch durchzukämpfen, aber dann war die Straße bis zum Bahnhof geräumt.“

„Aber wir haben doch Herrn Schwesig,“ sagte Tom. „Wir sind doch gar nicht allein.“

Die beiden Männer gingen gleich wieder hinaus, um weiter Schnee zu schaufeln.

Langsam wurde es dunkel und als man draußen fast nichts mehr sehen konnte, kamen Papa und Herr Schwesig zurück.

„So ihr beiden“, sagte Papa, „Ihr geht jetzt mal mit euren Flöten nach oben und übt ein paar Weihnachtslieder, und wenn ihr damit fertig seid, wollen wir mal sehen, ob der Weihnachtsmann gekommen ist.“

Aufgeregt gingen die Kinder in Lenas Zimmer. Immer wieder setzten sie die Flöten ab, weil von unten interessante Geräusche herauf drangen: Türen klappen, Schritte, unterdrücktes Gelächter. Endlich bimmelte das Glöckchen.

Das Wohnzimmer war von Kerzen hell erleuchtet und am Weihnachtsbaum standen Herr Schwesig, Papa und…

„Mama!“ Beide Kinder warfen sich in Mamas ausgebreitete Arme.

Mama erzählte: „Als die Bundesstraße geräumt war, bin ich einfach losgefahren. Im Radio liefen Berichte über Leute aus den Dörfern, die selber die kleinen Landstraßen frei räumen, da musste ich einfach versuchen, durchzukommen.“

Dann wurden die Geschenke verteilt. Als Lena Herrn Schwesig sein Geschenk überreichte, sagte sie: „Das ist für dich, weil du viel netter bist, als ich dachte. Du bist nämlich gar kein Gebirgstroll.“

Tom hielt die Luft an. Jetzt würde es bestimmt ein Donnerwetter geben. Statt dessen fing Herr Schwesig an, schallend zu lachen. Aber dann wurde er ganz ernst.

„Weißt du, Lena, ich hatte mal eine Tochter und zwei Enkelkinder, einen Jungen und ein Mädchen. Kurz bevor ihr hier eingezogen seid, hatten die drei einen Autounfall und sind gestorben. Die Kinder waren so alt wie ihr beide. Ich war so traurig darüber, dass ich einfach keine Kinder ertragen konnte. Darum war ich so gemein zu euch. Wie ein Gebirgstroll halt. Es tut mir leid.“

„Bist du jetzt noch traurig?“

„Manchmal schon.“

„Du brauchst aber nicht mehr traurig zu sein. Jetzt hast du doch uns!“

„Genau, jetzt hast du doch uns“, bekräftigten Mama, Papa und Tom.

„Ja, jetzt habe ich euch.“

Und dann feierten sie  gemeinsam Weihnachten.

Sie sangen und spielten Spiele und aßen Suppe aus der Dose und alle fanden, dass sie noch nie ein so schönes Weihnachtsfest gefeiert hatten wie dieses Weihnachten im Schnee.

Im Kamin knackte ein Holzscheid. Die Schüler des Schreibkurses unterhielten sich leise. Der Weihnachtsmann beugte sich zu den Kindern, die schläfrig auf dem Sofa saßen.

„Unsere Reise ist noch nicht vorbei ihr beiden. Ihr wollt doch sicher noch wissen, wie das Computerspiel läuft und den Weihnachtsmarkt wollen wir uns auch noch ansehen.“

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 19. Dezember

19-12-1314. November

„Sind wir richtig?“, fragte Klara aufgeregt, als die Kinder und der Weihnachtsmann in einem unbekannten Raum landeten. Es war schummrig in dem Raum, nur einige Kerzen und ein flackerndes Feuer in einem Kaminofen erhellten den Raum. Einzig eine kleine Leselampe leuchtete für den jungen Mann, der Annegrets Bleistiftgeschichte so gemocht hatte. Er hatte anscheinend gerade mit seiner Geschichte angefangen.

„Wir sind hier richtig, aber eine Geschichte haben wir schon verpasst. Aber der junge Mann hat gerade angefangen vorzulesen. Seine Geschichte heißt :

Weihnachten im Schnee

Am besten macht ihr es euch auf dem Sofa da hinten bequem, denn sie ist ziemlich lang. Es kann sein, dass wir sie heute auch nicht ganz bis zu Ende hören können. Ich werde tun, was ich kann.“

Die Kinder kuschelten sich auf das Sofa und hörten dem jungen Mann zu, der begann:

Tom starrte aus dem Fenster. Draußen wirbelte der Schnee. Er fiel so dicht, dass man nichts sah, als eine weiße Wand. Dazu heulte der Sturm. Wo Mama nur blieb? Sie wollte nur kurz ins Nachbardorf fahren, um den Weihnachtsbaum zu holen.

„Ich kann euch dieses Jahr nicht mitnehmen“, hatte sie gesagt, „es schneit schon den ganzen Tag und Lena ist einfach zu erkältet, um durch den Schnee zu waten. Ihr beiden deckt den Tisch recht schön und wenn ich wiederkomme, trinken wir gemütlich Kaffee. In längstens zwanzig Minuten bin ich zurück.“

Das war jetzt fast zwei Stunden her und langsam wurde es dunkel. Mama war keine zehn Minuten weg gewesen, als der Schneesturm losbrach. Tom sorgte sich. Was war, wenn Mama eingeschneit war? Wenn das Auto im Schnee stecken geblieben war? Wenn sie nicht mehr wieder kehrte?

Lena kam und quengelte. „Wo ist Mama? Ich habe Hunger.“

Tom fand, dass er jetzt eine Entscheidung treffen musste.

„Ich habe auch Hunger.  Mama wurde sicher aufgehalten. Vermutlich wartet sie irgendwo ab, bis der Schneesturm nachlässt. Sie würde nicht wollen, dass wir weiter auf sie warten. Mach doch mal die Weihnachtslieder-CD an und ich stelle den Kakao in die Mikrowelle.“

„Warum ruft sie denn nicht an, wenn sie den Sturm abwartet?“

„Weil unser Telefon kaputt ist, Dummchen!“

„Ich bin nicht dumm, ich bin schon erste Klasse!“

„In Ordnung, tut mir leid, du bist nicht dumm.“ Bloß keinen Streit anfangen, dachte Tom, eine heulende Lena ist das Letzte, was ich brauchen kann.

Da klingelte es an der Tür.

Die Kinder sahen sich an. Sie durften die Tür nicht aufmachen, wenn sie allein waren.

„Wir sind einfach nicht da“, flüsterte Lena.

„Wir legen die Kette vor und schauen mal nach,“ flüsterte Tom.

„Kinder, kommt zur Tür!“, rief eine Stimme von draußen. „Ich weiß doch, dass ihr da seid!“

„Der Troll!“, flüsterte Lena entsetzt.

Der Troll hieß eigentlich Herr Schwesig und war ihr unfreundlicher Nachbar. Als die Familie neu eingezogen war, hatte er immer gemeckert, wenn die Kinder im Garten getobt hatten, bis Mama ihn zur Rede gestellt hatte. Jetzt guckte er nur noch böse und Bälle, die aus Versehen über den Zaun flogen, gab er nie zurück. Tom hatte erklärt, dass nur Gebirgstrolle so böse waren und dass Herr Schwesig in Wirklichkeit so ein Troll war, der verkleidet unter den Menschen lebte. Abends dachte er sich oft gruselige Geschichten über ihren Nachbarn aus, die er Lena dann erzählte.

Nur zögernd ging er jetzt zur Tür. Er legte die Kette vor und öffnete dann einen Spalt.

„Na endlich!“, knurrte der Troll. Er streckte Tom ein Handy hin. „Hier, nimm. Eure Mutter ist dran. Sie hat bei mir angerufen, weil eurer Telefon ja nicht geht.“

Tom nahm das Handy entgegen. „Hallo?“

„Tom, hier ist Mama. Ich möchte, dass du mir gut zuhörst. Als erstes lässt du Herrn Schwesig ins Haus, damit der nicht in der Kälte stehen muss.“

Tom öffnete die Tür, während er weiter zuhörte.

„Im Radio haben sie gesagt, dass die gesamte Bundesstraße zugeschneit ist. Ich kann hier also nicht weg und übernachte bei Dorothee.“ Dorothee war eine Freundin aus dem Nachbardorf.

„Herr Schwesig wird bei euch schlafen. Möglicherweise fällt der Strom aus und dann habt ihr bei uns wenigstens den Kamin zum heizen. Mach bitte das Gästezimmer zurecht, stell Kerzen heraus und lade die Akkulampe auf, solange noch Strom da ist. Kann ich mich auf dich verlassen?“

Tom schluckte. „Aber morgen kommst du zurück, ja? Morgen ist doch Weihnachten!“

„Oh Tommy, ich hoffe es. Der Sturm muss erst einmal aufhören, und dann müssen die Straßen geräumt werden.“ Mama klang jetzt ein wenig zitterig.

Tom fühlte einen großen Klumpen in seinem Hals. Er schluckte. Weihnachten ohne Mama? Und statt dessen mit dem Troll? Obendrein, wenn Mama schon nicht aus dem Nachbardorf kommen konnte, dann würde Papa erst recht nicht heimkommen können. Er war ja viele hundert Kilometer fort auf Montage.

„Tommy?“ Mama wartete auf eine Antwort. Und plötzlich wusste Tom, dass die ganze Situation für Mama genau so schlimm war, wie für Lena und ihn. Und dass es an ihm lag, es für alle etwas leichter zu machen.

„Wir kommen bestimmt gut zurecht. Ich bin ja schließlich in der fünften Klasse. Ich kümmere mich um alles.“

„Gut, ich rufe später noch mal an.“ Damit legte sie auf.

Tom gab das Handy an Herrn Schwesig zurück.

„Mama hat gesagt,dass Sie hier schlafen.“

Herr Schwesig nickte. Dann ging er nochmal zu seinem Haus hinüber, um alles abzuschließen.

Tom und Lena richteten das Gästezimmer und luden die Lampe. Sie verteilten Kerzen und Streichhölzer im ganzen Haus. Dann warteten sie. Und dann ging das Licht aus.

„Sieht so aus, als hätte der Sturm die Leitung beschädigt“, erklärte Tom so selbstverständlich wie er konnte, als Lena erschrocken aufschrie. Die Kinder gingen zur Tür, um den Troll zu hören, wenn er klopfen würde. Die Zeit wollte nicht vergehen.

Endlich kam Herr Schwesig. Er war beladen mit  Campingsachen. Ein kleiner Gaskocher, eine Lampe, die er gleich einschaltete, ein Rucksack.

„Was sitzt ihr denn hier im Dunkeln? Kommt mit ins Wohnzimmer, dann wollen wir mal sehen, ob wir euren Kamin bei diesem Sturm an bekommen.“

Sie entzündeten Kerzen, aber der Kamin wollte nicht brennen.

„Macht nichts, es ist ja ohnehin fast Abendessenszeit.“

„Werden wir erfrieren?“, fragte Lena.

„Nein Herzchen, ihr habt eine so dicke Isolierschicht auf eurem Haus, das kühlt nicht einmal in einer Woche so stark aus. Wir essen jetzt, dann lese ich euch noch etwas vor und dann geht ihr schön mollig ins Bett. Sucht schon mal eure Lieblingsgeschichte raus.“

Die Kinder sahen sich an. Was war denn in den Troll gefahren? Er war ja auf einmal richtig nett!

Nach dem Essen und der Geschichte brachte Herr Schwesig Toms Matratze und sein Bettzeug in Lenas Zimmer. „Ich glaube, das ist gemütlicher für euch. Die Lampe auf dem Flur lassen wir an, dann findet ihr euch zurecht, wenn ihr wach werdet. Und ruft mich, wenn etwas ist. Morgen sieht die Welt bestimmt ganz anders aus.“

Als Lena ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab, machte er ein ganz komisches Gesicht und verließ schnell das Zimmer.

Die Kinder redeten noch eine kleine Weile miteinander, aber nach all der Aufregung waren sie müde und schliefen schnell ein.

 

 

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 18. Dezember

18-12-1312. November

„Also, dass ich mit zwei Menschenkindern reise, wirbelt die Zeit ja ganz schön durcheinander“, sagte der Weihnachtsmann zu Klara und Thomas, als sie an ihrem neuen Bestimmungsort ankamen. Es war wieder das Klassenzimmer, in dem der Volkshochschulkurs stattfand.

„Oh fein, dann gibt es wieder eine Geschichte“, freute sich Klara.

„Mal sehen“, sagte der Weihnachtsmann. „Unser letzter Besuch ist vier Wochen her, und inzwischen ist eine Menge passiert.“

Alle Schüler saßen schon auf ihren Plätzen, nur die Kursleiterin fehlte noch. Schließlich kam sie herein. Sie begrüßte die Gruppe und sagte dann: „ Ich habe eine schlechte Nachricht und eine Nachricht, über die wir reden müssen. Ich fange mit der schlechten an: Durch die schönen Illustrationen, die der Malkurs für unsre Geschichten angefertigt hat, werden die Druckkosten für unser Weihnachtsgeschichten-Büchlein zu teuer. Wir müssen darüber nachdenken, was wir machen wollen.“

Sofort begannen alle, durcheinander zu reden. Die einen wollten die Bilder weglassen, die anderen wollten die Bücher teurer machen. „Dann kauft sie keiner“, sagte jemand. „Ohne Bilder ist nicht schön, weil die Geschichten für Kinder sind, zu teuer ist auch nicht gut, aus genau demselben Grund. Die Leute sind es gewohnt, Kinderbücher für 2-3€ auf dem Wühltisch oder im Internet zu kaufen. Ein weich gebundenes Kinderbucht für mehr als 5€ kauft kein Mensch.“ Plötzlich sagte Annegret: „ Veronika, du hattest doch noch eine Nachricht für uns. Hast du  am Ende schon eine Lösung für unser Problem?“

„Nun ja, ich wollte eure Diskussion gerade unterbrechen, weil ich in der Tat einen Lösungsvorschlag habe. Anscheinend wird vom Gymnasium eine CD erstellt, auf der noch etwas Platz ist. Die Frau vom Informatik-Lehrer hat mich angesprochen und wollte wissen, ob wir etwas beisteuern könnten. Die Schüler haben wohl ein Spiel gemacht und Bastelanleitungen gesammelt, der Kirchenchor singt etwas und jetzt suchen sie noch Sachen, um eine Weihnachts-CD für die ganze Familie daraus zu machen.“

„Das ist eine großartige Idee“, sagte ein junger Mann. „Wir scannen die Illustrationen zu den Texten ein, und dann können die Leute die Geschichten auf ihrem Tablet oder dem PC lesen, oder sie sich selber ausdrucken, wenn sie etwas in der Hand halten wollen.“

„Dann haben wir aber nichts Eigenes“, wandte eine Frau ein.

„Kommt es denn darauf an?“, fragte Annegret. Sie trug heute ein T-Shirt und eine grob gestrickte braune Jacke und sah ziemlich cool aus. „So eine CD ist in der Produktion nicht so  teuer, und je mehr darauf ist, desto attraktiver wird sie doch für die Leute. Der Gewinn ist mit Sicherheit höher, als bei einem Buch, und darauf kommt es doch an. Schließlich soll am Ende möglichst viel für die kranken Kinder herauskommen.“

Der junge Mann, der Annegrets Bleistift-Geschichte so gut gefunden hatte, stimmte ihr zu, und auch die meisten anderen waren seiner Meinung.

„Einen Pferdefuß hat die Sache: wir müssen alles innerhalb dieser Woche fertig bekommen“, sagte Veronika. „Und wir habe noch immer nicht alle Geschichten gehört.“

„Oh, da habe ich eine gute Idee“, meldete sich der Krimi-Schreiber zu Wort. „Was haltet ihr denn davon, wenn wir am Wochenende einen Kaminabend mit Punsch und Geschichten bei mir zu Hause machen? Dann lesen alle, die noch nicht  zum Zuge gekommen sind, ihre Geschichte vor und wir entscheiden, welche Geschichten wir nehmen.“

„Dann kommt mal mit“, sagte der Weihnachtsmann. „Mal sehen, ob wir die Zeit dazu bringen können, uns beim Kaminabend abzusetzen.

 

 

Weinachtsmarkt in Winkelhausen: 17. Dezember

17-12-1310.November

„Wo und wann sind wir jetzt?“, fragte Thomas den Weihnachtsmann. Sie befanden sich in einem Klassenzimmer. Klara schaute hoffnungsvoll umher, aber das war nicht der Klassenraum des Schreibkurses. An den Tischen saßen Jugendliche und an den Wänden hingen bunte Drucken von Gemälden.

„Seht mal, da sind ja Peter und Max. Und da vorne ist auch Connie!“ rief Klara.

„Es ist der 14. November und wir sind im Kunstraum des Gymnasiums. Die Schüler sollten  Entwürfe für Weinhnachtskarten machen und stellen sie jetzt vor.“

Connie, die vor der Klasse stand, räusperte sich. Die Schüler wurden leiser und sahen zu ihr hin.

„Ich habe Klappkarten gemacht, bei denen sich ein Papiermotiv aufstellt, wenn man sie aufklappt. Nachher gebe ich ein paar Exemplare durch die Reihen, seid dann bitte vorsichtig damit, denn es steckt eine ganze Menge Zeit darin und sie sich ein bisschen empfindlich. Zuerst dürft ihr euch mal ansehen, wie ich sie gemacht habe.“

Auf der Wandfläche hinter ihr erschien jetzt ein Bild von einer bereits fertig gestellten Karten. Das Bild drehte sich langsam, und man konnte erkennen, dass das Motiv aus lauter schmalen Streifen bestand, die entweder nach innen oder nach außen geklappt waren und zusammen einen Tannenbaum ergaben. Es gab auch kompliziertere Modelle, zum Beispiel ein Dorf im Schnee oder eine Krippe. Connie erklärte, wie sie vom Entwurf des flachen Bildes zur dreidimensionalen Figur kam und in welcher Reihenfolge die Papierteile geschnitten geklebt und gefaltet werden mussten. Sie zeigte viele Fotos über die einzelnen Arbeitsschritte und die Klasse folgte ihr gespannt.

„Die Karten sehen schrecklich kompliziert aus“, meinte Klara, „aber Connie erklärt das so gut, dass alles ganz einfach zu verstehen ist.“

Am Ende applaudierten alle und sahen sich dann die zarten Gebilde an, die Connie durch die Reihen gab.

Die Lehrerin trat nach vorne.

„Herr Wolf, der Informatik-Lehrer hat mir erzählt, dass sein Kurs unter Mithilfe von Peter, Max und Kevin ein Computerspiel entwickelt hat…“

„Vergessen sie Connie nicht, die hat die Grafiken entworfen“, wurde sie von Max unterbrochen.

„…OK, und unter Mithilfe von Connie. Das Spiel soll auf eine CD gebrannt werden. Auf dieser CD ist noch Platz, und wir dachten, man könne noch ein paar andere Sachen darauf machen. Der Kirchenchor hat schon ein paar Lieder aufgenommen, ich selber verhandele mit dem Schreibkurs von der Volkshochschule, aber ich dachte, ein paar Bastelanleitungen wären auch ganz schick auf so einer CD. Was haltet ihr davon, wenn wir zu den besten fünf Entwürfe von euch  Anleitungen machen, die dann auf die CD kommen?“

„Dann muss der von Connie unbedingt dazu“, sagte ein Mädchen.

„Das sehe ich genauso“, antwortete die Lehrerin. „Bei ihrem Vortrag habt ihr auch die vielen Bilder gesehen, die das Ganze so anschaulich machen. So in etwa stelle ich mir das vor. Es bedeutet aber eine Menge Arbeit, so etwas zu erstellen, das sollte dann in Gruppenarbeit stattfinden. Ich brauche ohnehin noch eine Note von euch, würde also eure Arbeiten bewerten.“

„Wieso läuft so etwas immer auf eine Benotung raus?“, fragte Max in keine bestimmte Richtung.

Die Lehrerin grinste. „Gerade du solltest dankbar dafür sein. Dein Kartenentwurf war ziemlich „Na, Ja“, und aus Bildern und Text eine vernünftige Computerdatei zu machen, liegt dir doch. Da kannst du gut punkten.“

„Die ist echt OK“, sagte Thomas. „Wenn ich da an meine Kunstlehrerin denke, puh!“

„Gehen  wir weiter“, sagte der Weihnachtsmann, „ein bisschen kann ich euch noch zeigen.“

Weihnachtsmarkt in Winkelhausen: 16. Dezember

16-12-1312.November

„Wir befinden uns in der Kirche des Dorfes“, sagte der Weihnachtsmann. „Es ist Samstag, der 12. November. Der Chor nimmt seit zwei Stunden Lieder auf.“

Die Sänger standen auf einem Podest in der Mitte der Kirche. Überall waren Mikrofone aufgebaut. Ein junger Mann mit Kopfhörern lief herum und kontrollierte sie. Dann gab er dem Chorleiter ein Zeichen. Die Sänger wirkten müde. Der Chorleiter klatschte in die Hände. „Ruhe bitte. Wir machen jetzt noch Maria durch ein Dornwald ging und dann ist Pause.“

Die Sänger strafften sich und begannen. Sie hatten kaum ein paar Töne gesungen da wurde schon abgewunken. „Der zweite Sopran war einen Tick zu spät. Gleich noch mal.“

Die Kinder erlebten, wie das Lied noch viermal unterbrochen wurde, weil irgendein Einsatz nicht stimmte, oder weil der Chor zu tief sang. Dann schließlich, beim sechsten Versuch schien alles zu klappen. Die erste Strophe lief gut, die zweite ebenfalls und  auch die dritte Strophe lief problemlos. Der letzte Ton war gesungen und schwebte in die Höhe. Da plötzlich piepste eine Uhr.

„Oh nein“, rief Klara.

Das gleiche schienen auch die Sänger zu denken. Der Chorleiter war dem jungen Mann mit den Kopfhörern einen Blick zu. Der schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Leute, das müssen wir noch mal machen. Aber jetzt machen wir erst einmal eine Pause. Und reißt eurem Kollegen nicht den Kopf ab, so etwas passiert sogar in Profiorchestern.“

Der Uhrenpiepser sah aus, als versuche er,  sich unsichtbar zu machen. Er ging nicht mit den anderen Sängern mit, die in einen angrenzenden Raum strömten, wo es Kaffe und Kuchen gab.

Anja ging auf den jungen Mann mit den Kopfhören zu. „Hi Gunnar. Toll, dass du da bist. Danke, dass du deinen Samstag für unser Projekt opferst.“

„Das ist ehrlich gesagt kein Opfer, sondern Arbeitszeit für mich. Der Sender wird an den Adventssonntagen Chöre aus der Umgebung von Hannover vorstellen, die etwas Ungewöhnliches unternehmen. Ich kriege das hier bezahlt. Aber jetzt brauche ich einen Kaffee. Komm! Und du da hinten auch. Quäl  dich nicht, ich habe schon viel Schlimmeres erlebt.“ Er zog Anja und den unglücklichen Uhrenbesitzer mit sich. „Als ich Praktikant beim WDR in Köln war, haben wir mal den zweiten Satz einer Sinfonie aufgenommen, der dauerte 20 Minuten. Wir hatten schon den ganzen Tag daran  gearbeitet, aber immer war irgendetwas verkehrt. Schließlich klappte alles. Am Ende gibt es da ein Flötensolo und der Flötist spielte wie ein Gott. Und dann, bei seinem letzten Ton klingelte sein Handy.“

„Was habt ihr gemacht?“

„Wir haben alle zum Schlafen nach Hause geschickt. Am nächsten Tag trafen wir uns um neun wieder, und ungelogen, um halb zehn war alles im Kasten.“

Die Umstehenden lachten. Dann gingen wieder  alle  in den Kirchraum zurück.

Zehn Minuten später war die Aufnahme des Liedes  fertig.

 „Das war das letzte  Lied für heute. Morgen nehmen sie die letzten fünf Lieder auf und produzieren dann eine schöne CD.“

 

Hier ist noch das Rezept für die Blitzbratäpfel aus dem heutigen Kalenderkärtchen:

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Blitzbratapfel

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Für einen schnellen Bratapfel brauchst Du einen nicht zu saftigen Apfel, Vanillesoße, Marzipankartoffeln und Schoko-Weihnachtsmandeln.

Das Kernhaus aus dem Apfel stechen. Zuunterst eine Marzipankartoffel stopfen, dann abwechselnd mit Weihnachtsmandeln und Marzipan füllen. Für ca.2-3 Minuten in der Mikrowelle bei höchster Stufeerhitzen (abdecken nicht vergessen, sonst ferkelt’s)

Mit Vanillesoße servieren

(Geht auch bei  200° im Ofen, dauert dann aber 25-30 Min)

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Weihnnachtsmarkt in Winkelhausen : 15. Dezember

15-12-1310. November

„Wo sind wir denn jetzt?“, fragte Thomas.

Oh, keine Geschichte mehr?“, sagte Klara enttäuscht.

Statt in dem Klassenzimmer waren sie in einem Wohnzimmer angekommen. Eine Gruppe Frauen saßen um einen Tisch herum, auf dem eine bunte Flickendecke ausgebreitet war. Neben ihnen auf kleinen Tischen standen Becher  mit Getränken und Obst und Knabbereien.

„Wir sind bei einer der Quilterinnen aus dem Patchwork-Club“, antwortete der Weihnachtsmann. „Es ist der 10. November.“

Die Frauen am Tisch schienen mit Nadeln durch den Tisch zu stechen. Klara lief hin, um sich das genauer anzusehen. Da bemerkte sie, dass das, was sie für einen Tisch gehalten hatte, in Wirklichkeit ein großer Rahmen war, über den die Flickendecke gespannt war. Oben war der Stoff, der aus hunderten von kleinen Quadraten und Dreiecken zusammengesetzt war, dann kam eine dünne Schicht Watte und dann ein weicher einfarbiger Stoff. Die Frauen nähten die drei Lagen zusammen. Ihre Nähte verliefen in Schnörkeln und Spiralen und bildeten schöne Muster. Klara war beeindruckt. Diese Flickendecke war ein echtes Kunstwerk.

Ein kleiner Junge kam in den Raum. Er stibitzte sich eine Mandarine von einem Teller und begann sie abzuschälen. Als er sich die ersten Schnitze in den Mund gesteckt hatte, fragte er:“Warum heißt die Mandarine eigentlich Mandarine?“

Eine der Frauen antwortete: „Ich habe keine Ahnung, aber ich kenne eine Geschichte, die deine Frage beantwortet. Ob sie wahr ist, weiß ich nicht, aber sie ist hübsch. Willst Du sie hören?“

„Bitte, bitte, bitte“, flehte Klara lautlos. „Eine Geschichte!“

Der Junge nickte mit vollem Mund und die Frau begann:

Der Fürst und die Ente

Es war einmal in China ein mächtiger Fürst. Er war ziemlich eitel und trug immer ganz prächtige Gewänder. Er lebte in einem prachtvollen Palast in einem wunderschönen Garten. In diesem Garten gab es einen Teich mit Enten und einen Baum mit köstlichen Früchten. Nur der Fürst durfte diese köstlichen Früchte essen. Jeden Tag pflückte ein Diener eine Frucht, legte sie auf einen Teller aus feinstem Porzellan und servierte sie dem Fürsten zum Frühstück auf der Terrasse am Teich. Eines Morgens kam der Fürst etwas später als sonst zum Frühstück. Der Diener hatte die Frucht bereits auf den Tisch gestellt und als der Fürst aus dem Haus trat, konnte gerade noch sehen, wie eine Ente aus dem Teich die Frucht von seinem Teller stahl. Außer sich vor Wut ließ der Fürst die Ente einfangen und riss ihr zur Strafe alle Federn aus.

Am nächsten Morgen jedoch war die Ente wieder zur Stelle. Alle ihre Federn waren nachgewachsen und obendrein waren sie wunderschön bunt. Das Gefieder der Ente war prächtiger als die schönste Kleidung des Fürsten.

„Die will ich unbedingt in meinem Garten behalten“, dachte der Fürst, „doch wie stelle ich das an?“ Er warf der Ente Reis zu, aber die kümmerte sich nicht darum. Er bot ihr von seinem süß-sauren Fleisch, aber auch das wurde verschmäht. Schließlich fiel ihm ein, dass die Ente von seiner köstlichen Frucht gestohlen hatte und er gab ihr davon eine Hälfte. Die Ente sah ihn mit schräg gelegtem Kopf an, als wolle sie sagen: „Ich weiß genau, warum du das tust“, nahm aber die Frucht entgegen.

Von nun an teilte der Fürst jeden Tag sein Obst mit der Ente. Die Ente begleite ihn auf seinen Spaziergängen durch den Garten und hörte sich seine Ideen an. Beide wurden unzertrennlich. Und jeden Tag teilten sie eine der köstlichen Früchte. Als die Ente eines Tages starb, war der Fürst untröstlich. Er mochte nichts mehr essen, er konnte nicht schlafen und selbst die köstliche Frucht schmeckte ihm wie Stroh.

Eines Morgens sah er ein Kind am Teich. Es war die Tochter seines Kochs, die sich in den Garten geschlichen hatte. Als die Kleine den Fürsten bemerkte, wollte sie davonlaufen. Aber der traurige Fürst sagte: „Hab keine Angst, ich tue dir nichts. Hier, nimm von der köstlichen Frucht.“ Als das Kind die Frucht strahlend entgegen nahm, fühlte sich der Fürst so leicht ums Herz, wie schon lange nicht mehr.

In der Nacht träumte er von seiner Ente. Sie kam über den Teich auf ihn zu geschwommen und sagte: „Du hast zu wenig Früchte, aber für dich hast du zu viel.“ Dann verwandelte sie sich in das kleine Mädchen und lief lachend davon.

Der Fürst dachte viele Tage darüber nach, was dieser Traum zu bedeuten hatte. Dann begriff er. Seine köstliche Frucht hatte ihm am besten geschmeckt, als er sie mit der Ente geteilt hatte. Und als er dem Kind eine Frucht geschenkt hatte, war er beinahe wieder froh gewesen. Er ließ viele neue Bäume mit köstlichen Früchten anpflanzen und als sie Früchte hatten, verteilte er sie an jeden, der an seinem Palast vorbei kam.

Als der Fürst nach einem langen, glücklichen Leben schließlich starb, benannten die Menschen ihm zu Ehren die prächtig bunten Enten und die köstliche Frucht nach ihm.

„Und wie hieß jetzt die Frucht?“, fragte der kleine Junge.

„Na, dreimal darfst Du raten“, lachte die Erzählerin.